Mainzer Unternehmen Biontech arbeitet an maßgeschneiderten...

Biontech ist mit dem Impfstoff „in einer sehr frühen Phase“. Läuft alles nach Plan, könnte 2021 oder 2022 eine Zulassung erfolgen. Foto: Biontech  Foto: Biontech

Nein, es sind nicht die kleinen Fortschritte in der Wissenschaft, mit denen sich Biontech zufriedengibt. „Unsere Mission ist es, Krebs in eine beherrschbare, nicht-tödliche...

Anzeige

MAINZ. Nein, es sind nicht die kleinen Fortschritte in der Wissenschaft, mit denen sich Biontech zufriedengibt. „Unsere Mission ist es, Krebs in eine beherrschbare, nicht-tödliche Krankheit umzuwandeln“, heißt es in der Firmenbroschüre des Mainzer Biotechnologieunternehmens. Ziel sei es, jedem Patienten ein ganz individuelles Medikament anbieten zu können. Es soll das Immunsystem im Körper an der richtigen Stelle aktivieren und dazu animieren, die Krebszellen als schädliche Feinde zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Erste Studien mit solchen individuell zugeschnitten Impfstoffen haben laut Biontech vielversprechende Ergebnisse geliefert, weitere sollen folgen. Auch eine große klinische Studie. „Wenn alles nach Plan läuft, können wir vielleicht 2021 oder 2022 auf eine Zulassung hoffen“, sagt Biontech-Finanzvorstand Dr. Sierk Poetting. Doch bis dahin müssen noch jede Menge Hürden aus dem Weg geräumt werden. Dabei geht es nicht nur um den Nachweis der Wirksamkeit des Prinzips in Studien mit hohen Fallzahlen, sondern auch um die Produktionsweise des Impfstoffes – noch verschlingt die Herstellung zu viel Zeit und zu viel Geld.

Krebs ist nicht gleich Krebs: „Jeder Tumor hat ein spezifisches Muster an Antigenen und Mutationen, das ihn einzigartig macht“, sagt Poetting. Diese tumorspezifischen Eigenschaften macht sich Biontech zunutze. Das Prinzip: Zunächst wird ein Steckbrief des Krebses beziehungsweise des Mutationsprofils erstellt. Dann bekommt das Immunsystem die Informationen, wie die „bösen“ Zellen aussehen und den Auftrag, sie zu bekämpfen. Aktiviert werden die Immunzellen durch das von Biontech hergestellte Medikament, das der Arzt dem Patienten spritzt. „Interessant ist, was hinter den Kulissen passiert“, sagt Poetting – „wir sequenzieren das Blut und schauen uns den genetischen Code an. Dann sequenzieren wir auch den Tumor und haben somit einen Abdruck des veränderten Gewebes.“ Durch den Vergleich der Sequenzen können die Unterschiede ausgemacht werden: „Der Tumor besteht aus mutierten Zellen – die genetische Information stimmt hier nicht mehr. Das ist vergleichbar mit einem falschen Wort im Buch. Und dieses eine Wort sorgt dafür, dass die Zelle anders wächst und anders aussieht“, sagt der Biontech-Finanzchef.

Individuelle Medikamente für die Patienten

Anzeige

Beim Hautkrebs können diese Zellen beispielsweise einige hundert solcher Fehler aufweisen. „Mithilfe bioinformatischer Algorithmen gehen wir die Mutation durch und wählen starke, auffällige Merkmale aus. Wir suchen im Grunde die Merkmale, die das Immunsystem gut sehen kann“, so Poetting. „Und dann sagen wir dem Immunsystem nur noch: Bekämpfe die Zellen mit der – bildlich gesprochen – grünen Antenne oder dem Schnurrbart.“ Nur noch? Um den körpereigenen Abwehrkräften beizubringen, die Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören, nutzt Biontech eine synthetische mRNA (Boten-Ribonukleinsäure). Auf ihr wird im Labor der Steckbrief des Krebses codiert und durch die Impfung wieder in den Körper gegeben. „Die dendritischen Zellen, so etwas wie die Wachhunde im Körper, sagen dann den Killerzellen, was fremd und unerwünscht ist und abtransportiert werden soll“, so der Wissenschaftler.

Das Besondere an der Biontech-Immuntherapie sei nicht der Wirkstoff, sondern der Wirkungsprozess beziehungsweise das Herstellungsverfahren: „Die Behörden haben uns erlaubt, auf die Zulassung dieses Prozesses hinzuarbeiten und nicht auf die Zulassung eines Medikaments“, sagt Poetting. Das Medikament für die Impfung sehe immer anders aus, je nachdem, für welchen individuellen Patienten es hergestellt wird, also welcher Tumor als Ausgangsbasis diene.

Das Herstellungsverfahren wurde für Studienzwecke bereits zugelassen. Knapp ein Jahr ist es her, dass Biontech in dem angesehenen Wissenschaftsmagazin Nature die Ergebnisse einer ersten klinischen Studie mit Hautkrebs-Patienten (Malignes Melanom) veröffentlicht hat: Neun von 13 Teilnehmern der Studie waren bis zu 24 Monate nach der Impfung noch tumorfrei. „Basierend auf diesen Ergebnissen führen wir nun eine weitere Studie mit unserem Partner, der Roche-Tochter Genentech, durch. Diese ist auf einige hundert Patienten angelegt und es können 23 verschiedene Krebsarten eingeschlossen werden“, sagt Poetting. Doch er warnt vor überzogenen Erwartungen: „Wir sind noch in einer sehr frühen Phase.“ Es müssten noch zahlreiche Studien folgen, um die Wirksamkeit des Medikaments nachhaltig zu belegen. Auch die komplexe Herstellung des Impfstoffs gelte es zu optimieren. Was heute mehrere Wochen dauert, soll irgendwann innerhalb von wenigen Tagen passieren. Was könnte die Arbeit der Biontech im Idealfall leisten? „Wenn es wirklich funktioniert, hätten wir etwas gegen viele Krebsarten und für jeden Patienten“, sagt Poetting. Biontech ist nicht das einzige Unternehmen, das an diesem Wirkungsprinzip forscht – „aber wir waren die ersten, die es am Menschen getestet haben und sind der Konkurrenz nach wie vor einen Schritt voraus.“