Bei Opel geht es ums Geld: Chef Lohscheller will...

Opel-Chef Michael Lohscheller in der Rüsselsheimer Firmenzentrale. Archivfoto: André Hirtz
© André Hirtz

Der Sanierungskurs des Rüsselsheimer Autobauers Opel scheint ins stocken geraten zu sein. Im Interview bewertet Opel-Chef Michael Lohscheller die Entwicklung und fordert...

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RÜSSELSHEIM/MAINZ. Bei Opel ist Deutschland keineswegs der Musterschüler in Europa. Während es in allen Werken im Ausland im Zuge der Sanierung bereits eine Einigung gab, ringen hierzulande Arbeitnehmervertreter und Management seit Monaten um eine Lösung. Dass sich nun sogar Kanzlerin Merkel in die Debatte eingeschaltet hat, ist nicht im Sinne von Opel-Chef Michael Lohscheller. Für das Problem müssten beide Seiten bei Opel eine Lösung finden, je früher, desto besser, sagte er im Interview mit dieser Zeitung. Doch danach sieht es bislang nicht aus. Betriebsrat und IG Metall warben am Donnerstag bei Betriebsversammlungen an allen drei Standorten (Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern) für ihren Kurs, keinerlei Zugeständnisse beim Lohn zu dulden. Wie sprachen mit Lohscheller über die Opel-Sanierung.

Herr Lohscheller, die Sanierung bei Opel stockt – wo hakt es? Grundsätzlich gilt: Wir machen bei unserem Sanierungsplan „PACE!” gute Fortschritte. Wir packen viele Dinge jetzt an, die das Unternehmen endlich wetterfest machen. Es gibt Themen, da geht es schnell voran, und es gibt Themen, da möchten wir jetzt zu Lösungen kommen.

Der Absatz im ersten Quartal ist europaweit um rund zehn Prozent gesunken... Wenn Sie in einer so schwierigen wirtschaftlichen Situation wie derzeit Opel sind, müssen Sie die Erträge pro Fahrzeug steigern. Da sehen wir gute Fortschritte. Auch beim Absatz machen wir in einigen Ländern Fortschritte, so haben sich zum Beispiel in England die Verkäufe stabilisiert und sind in Holland die Nummer 1 im Markt. Aber in Summe ist richtig, dass der Absatz im ersten Quartal rückläufig war. Damit bin ich natürlich nicht zufrieden, das müssen wir verbessern. Die Fahrzeuge dazu sind da – und entsprechende Zahlen auch: Wir haben bereits mehr als 135.000 Bestellungen für den neuen Insignia, mehr als 110.000 für den Crossland X und rund 75.000 für den Grandland X. Und wir befinden uns keineswegs in einem Produktloch, wie es zuletzt in einigen Medien zu lesen war. Dieses Jahr haben wir gerade erst den Insignia GSi in den Markt gebracht, es folgen der Combo und der Corsa GSi.

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Warum gehen die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern nicht voran? In allen anderen Ländern in Europa haben wir schon Lösungen gefunden und entsprechende Investitionen zugesagt. Jetzt gilt es, das auch in Deutschland zu erreichen. Mit einem ganz individuellen Weg – es gibt keine Blaupause aus anderen Ländern, die wir hierzulande kopieren wollen.

IG Metall und der Betriebsrat werfen Ihnen offen Tarifbruch vor... PSA und wir erfüllen die Tarifverträge. Es wird immer wieder behauptet, dass das nicht der Fall sei. Das möchte ich ganz klar richtigstellen. Wir haben sogar Beispiele, wo wir die Tarifverträge überfüllen wollen. Für den Standort Eisenach liegen die Investitionspläne auf dem Tisch. Sie sehen vor, dass wir ein exklusives Modell zwei Monate früher anlaufen lassen als ursprünglich geplant. Und dass 2020 noch eine Variante hinzukommt. Wir können diese Pläne aber noch nicht umsetzen.

Was erwarten Sie von der Arbeitnehmerseite, dem Betriebsrat? Zunächst ging es nur um eine Aussetzung der jetzt fälligen Tariferhöhung von 4,3 Prozent für die Dauer der Verhandlungen, um nicht die Arbeitskosten noch weiter zu erhöhen. Das hat die Arbeitnehmerseite abgelehnt. Jetzt wollen wir über übertarifliche Zulagen – Opel zahlt in vielen Bereichen und Abteilungen über Tarif – sprechen. Ich denke, das ist in einer Sanierungsphase ein normales Vorgehen.

Jetzt hat sich mit Kanzlerin Merkel die Politik auf höchster Ebene in die Diskussion eingeschaltet und die Arbeitnehmerseite gestärkt. Das ist ja durchaus ein Signal – auch an PSA... Wir stehen in regelmäßigem Kontakt mit der Politik und sind in einem guten Austausch. Aber ich glaube, für das Problem müssen jetzt beide Seiten bei Opel eine Lösung finden. Je früher das passiert, desto besser.

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Wie könnte die Lösung aussehen? Im ersten Schritt geht das nur mit gemeinsamen Gesprächen. Wichtig ist, dass sachorientiert diskutiert wird. Wir stehen ganz klar zu Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern. Und wir stehen ganz klar zu den Tarifverträgen. Wir wollen an allen deutschen Standorten investieren und werden das auch tun – wenn wir wettbewerbsfähig sind.

Was heißt das konkret? Ganz konkret geht es mir um die Anrechnung der übertariflichen Zulagen. Ich tue mich schwer damit, dass ein Unternehmen in solch einer wirtschaftlichen Schieflage in vielen Bereichen noch übertariflich zahlt. Mein Wunsch ist, dass wir tarifvertragskonform bezahlen und nicht darüber hinaus. Und dabei geht es durchaus um hohe Summen.

Die Rechnung „Investitionen nur bei Zugeständnissen“ wird von Arbeitnehmerseite als eine Form der Erpressung interpretiert... Wir sagen: Die Voraussetzung für Investitionen ist nun mal die Produktivität.

Die Arbeitnehmerseite sagt, sie habe für Eisenach einen Plan vorgelegt, mit dem man ohne Zugeständnisse beim Lohn die Wettbewerbsfähigkeit erreichen kann... Das sehen wir anders.

Zu Eisenach sind konkrete Zahlen zu einem Jobabbau in Umlauf – die Rede ist von einer Reduzierung von 1.800 auf rund 1.000 Stellen. Diese Zahlen werde ich nicht kommentieren, das sind Spekulationen. Unser Investitionsangebot ist ein klares Bekenntnis zum Standort Eisenach – und zukunftsfähig. Es wäre keine gute Idee gewesen, den Mokka-X-Nachfolger wie ursprünglich geplant dort zu produzieren. Das Fahrzeug hätte ab 2020 einen nicht wettbewerbsfähigen CO2-Ausstoß gehabt. Wir haben immer gesagt, dass es keine Werksschließungen und keine betriebsbedingten Kündigungen gibt. Und dazu stehen wir. Auch für Kaiserslautern bieten wir Projekte und eine Auslastung an, die über die Laufzeit des Tarifvertrags hinausgehen. Wir haben für beide Standorte sehr konkrete Angebote auf den Tisch gelegt, die wir aber nicht im Detail mit der Öffentlichkeit diskutieren wollen.

Es gibt aber die Sorge, dass ein Werk unter einer bestimmten Größenordnung auf Dauer nicht lebensfähig ist. Wir können auf ein wettbewerbsfähiges Niveau kommen, das sehen wir derzeit in vielen unserer Werke. Und mit dieser Voraussetzung schaffen wir für die Standorte die Chance, auch zu wachsen. Wettbewerbsfähigkeit ist die beste Zukunftssicherung. Entscheidend für jedes einzelne Werk ist immer das Verhältnis zwischen Personalkosten und Umsatz. Und wenn dieser Wert stimmt, können wir auch wieder Aufträge bekommen und sogar innerhalb des PSA-Konzerns für Citroën und Peugeot Autos produzieren. Das hat zum Beispiel in Luton in England funktioniert. Dort sind wir jetzt in der Lage, dass wir in eine neue Generation des Vivaro investieren können.

Heißt das, dass die Arbeitnehmervertreter hierzulande noch zu egozentrisch den Opel-Blick haben und nicht die Chancen erkennen, die die Verzahnung innerhalb des PSA-Konzerns bietet? Gute Frage! Diese Antwort sollten Ihnen die Arbeitnehmervertreter geben.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo aus der gemeinsamen Plattform-Strategie mit PSA Impulse kommen? Zum Beispiel beim neuen Combo. Der ist extrem attraktiv. Mit GM-Plattformen ist es unglaublich schwer gewesen, in Europa zu wettbewerbsfähigen Kosten zu kommen. Vor allem wegen der hohen Komplexität. Ein Beispiel: Die Anzahl der Teile ist bei PSA halb so groß wie beim GM – ein entscheidender Unterschied bei der Montage jedes einzelnen Autos. Außerdem werden wir alle unsere Modelle künftig mit einem elektrischen Antrieb – Hybrid oder rein elektrisch – anbieten.

Es gibt derzeit mehrere Programme, um Stellen abzubauen – Altersteilzeit, Vorruhestand und Abfindungen. Besteht nicht insbesondere in der zweiten und dritten Managementebene die Gefahr, dass Mitarbeiter gehen, die Sie brauchen? Es ist mein erklärtes Ziel, die Management-Ebene deutlich zu verschlanken. Ich habe bewusst gesagt, dass die Treppe von oben gekehrt werden muss – Ziel ist hier eine Reduzierung um 25 Prozent gewesen. Das haben wir erreicht. Und wir werden auf allen Ebenen sicherstellen, dass wir schlagkräftig bleiben.

Noch einmal zurück zum Streit mit den Sozialpartnern. Wäre die Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 28 Stunden ohne Lohnausgleich, wie sie VW in Krisenzeiten der 1990er Jahre praktiziert hat, eine mögliche Variante? Ich bin offen für alle guten Vorschläge.