Sandro Schwarz zu seiner Moskauer Zeit: „Haben viel geweint“

Jetzt ist er ein Berliner: Sandro Schwarz.  Archivfoto: dpa

Erstmals äußert sich Sandro Schwarz, früherer Mainz-05- und neuer Hertha-BSC-Coach, warum er nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine noch in Moskau geblieben ist.

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BERLIN . Der frühere Mainz-05-Trainer Sandro Schwarz hat sich am Freitag zum ersten Mal ausführlich zu seiner Entscheidung geäußert, dass er trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine zunächst als Fußball-Coach bei Dynamo Moskau geblieben war. „Ich hatte eine innere Zerrissenheit als Mensch, wusste aber, welcher Anker ich für die Spieler und den Staff im Verein war. Deshalb hatte ich mich entschieden, dort zu bleiben“, sagte Schwarz, der nun nach dem letzten Pflichtspiel in der vergangenen Saison Moskau verlassen hat und als Trainer des Bundesligisten Hertha BSC vorgestellt worden ist.

Eines war Schwarz bei Aussagen am wichtigsten: „Ich verurteile diese Angriffskrieg und jegliche Form des Krieges dort komplett“, sagte er und betonte, dass seine Entscheidung, die Spielzeit in Moskau noch zu Ende zu bringen „nichts mit politischen Entscheidungen zu tun hatten. Auch nichts mit dem Sport, mit einem Titel oder mit finanziellen Aspekten. Es hatte nur mit den Menschen dort im Verein zu tun.“

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„Wir wollten als Gruppe füreinander da sein“

Ab dem Tag des ersten Angriffs auf die Ukraine sei es im Verein „sehr emotional gewesen“, sagt Schwarz. „Wir hatten Gespräche mit unseren russischen und ukrainischen Spielern, bei denen wir auch viel geweint haben. Mir war es wichtig, die Haltung und die Stimmungslage bei den Mitmenschen im Verein zu erfragen. Dabei habe ich festgestellt: Sie haben die gleichen Werte wie ich. Das sind alles gute Menschen. Und so kam es zu dieser Zerrissenheit: Ich wusste um die Lage, wusste aber auch, wie Team und Staff ticken und wie wichtig ich für sie war. Dass ich dann geblieben bin, hatte ausschließlich damit zu tun, dass wir als Gruppe füreinander da sein wollten.“

In seinem Moskauer Umfeld habe er dann auch Folgen des Krieges gemerkt. „Ich habe Zukunftsängste gespürt, auch das Gefühl der Abspaltung vom Rest der Welt. Und es gab auch dort persönliche Schicksalsschläge, die Ängste um Verwandten in der Ukraine, um Freunde, auch um Freundschaften unter den Spielern“, berichtete Schwarz.

Die Entscheidung, nach dem Sommerurlaub nicht nach Moskau zurückzukehren, habe er dann Ende März getroffen, erklärte Schwarz. Zurück in Deutschland sei er jetzt „extrem erleichtert, dass die Drucksituation beendet ist.“

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Nun bereitet sich der 43-Jährige auf seine neue Aufgabe bei Hertha BSC vor. Trainingsauftakt ist am 22. Juni, und dann wird auch ein weiterer in Mainz bekannter Trainer dabei: Ex-05-Profi Tamas Bodog wird Teil von Schwarz‘ Trainerteam. Zurück in der Heimat - ohne Zwischenstopp in die Zukunft. Am Dienstagabend betrat Sandro Schwarz erstmals wieder deutschen Boden.

Nach einer kräftezehrenden, emotionalen und sportlich erfolgreichen Zeit in Moskau, die für den 43 Jahre alten Fußballlehrer die größte Zerreißprobe seines Lebens darstellte. Er zog sie bis zuletzt durch, fühlte sich verantwortlich für seine Spieler und Mitarbeiter beim russischen Erstligisten Dynamo Moskau, setzte erst nach dem Saisonfinale den Schlussstrich unter das Kapitel. Und schon am Mittwoch öffnete er die Tür zur Zukunft, verbunden mit der Rückkehr in die Fußball-Bundesliga. Ein neues Kapitel. Sandro Schwarz ist nun - ganz offiziell - ein Berliner.