Radtour in der Oberlausitz

Romantisch erstrahlen die Gemäuer von Bautzens Altstadt am Abend im Scheinwerferlicht.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb

Die Lausitz-Tour beginnt mit einer Senfprobe. Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn der Startort heißt Bautzen – nicht nur bekannt als schmucke Spreestadt und für sein...

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. Die Lausitz-Tour beginnt mit einer Senfprobe. Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn der Startort heißt Bautzen – nicht nur bekannt als schmucke Spreestadt und für sein grausames Gefängnis aus Nazi- und DDR-Zeiten, sondern seit dem 19. Jahrhundert auch für seinen delikaten Senf. „Vergessense den Industriesenf – den haben wir zwar auch –, sondern nehmense nur den handgemachten im braunen Töpfchen“, berät die fachkundige Dame im Senfladen mit angeschlossenem Museum. Mit dem süßlich-scharfen Geschmack von Honig- und Feigensenf am Gaumen holpert es sich gleich etwas angenehmer über das Kopfsteinpflaster am Haupt- und Fischmarkt. Wie die Kulisse für einen mittelalterlichen Film schmiegt sich Bautzens Altstadt mit der Ortenburg in einen Bogen der Spree. Den besten Blick darauf hat man von der Friedensbrücke. Besonders romantisch ist es, wenn abends die alten Gemäuer sanft-rosa im Scheinwerferlicht strahlen.

Romantisch erstrahlen die Gemäuer von Bautzens Altstadt am Abend im Scheinwerferlicht.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb
Wie riesige Monsterpilze scheinen die Sandsteinfelsten im Wald bei Oybin zu „wachsen“.Foto: Armin Herb  Foto: Armin Herb

Die Spree weist uns den Weg nach Süden. Ihr bräunliches Wasser erinnert hier an Blümchenkaffee, wie die Sachsen ironisch zu dünn geratenen, wässrigen Bohnenkaffee bezeichnen. Wir passieren die Himmelsbrücke, das Wahrzeichen von Sohland, erbaut im Jahre 1796. Der alte Granitsteinbogen über das Flüsschen empfiehlt sich allerdings nur zu Fuß zu queren. Kurz darauf machen wir Halt in Taubenheim – nicht nur wegen seiner schönen Umgebindehäuser, sondern wegen der Sonnenuhren daran. 35 dieser handgemachten Zeitmesser gibt es im kleinen Dorf. Schöpfer dieser Uhren war Martin Hölzel, dessen ungewöhnliches Hobby Taubenheim bekannt gemacht hat.

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Apropos Umgebindehäuser: Diese für die Oberlausitz typische Bauweise, die Blockbau, Massivbau und Fachwerk kombiniert, lässt sich am besten in Obercunnersdorf bewundern. Hier stehen 200 dieser Umgebindehäuser, weshalb das Dorf von der Unesco die Auszeichnung Denkmalort erhielt. Aber vor dem Häusermuseum baut sich noch der Berg Kottmar auf. Wer den Ursprung der Spree und den Beginn des Radweges erradeln möchte, muss dort hinauf ins waldige Mittelgebirge – es ist sozusagen das Warmfahren für die nahen Zittauer Berge.

Bei der Pause im Bäckerei-Café in Eibau heben wir mal wieder verzückt die Augenbrauen: Ist der Cappuccino hier so günstig, weil die Sachsen genauso gern Kaffee trinken wie die Italiener? Oder weil hier der Tourismus noch nicht die Preise verdorben hat? Wohl beides.

Etwas touristischer zeigt sich dann aber doch der Kurort Oybin. Hinauf zum Lausitzer Kamm, wie das Zittauer Gebirge gerne genannt wird, schnauft die Zittauer Schmalspurbahn, die meistens von historischen Dampfloks gezogen wird. Der Oybin, der Sandsteinfelsen mit mittelalterlicher Burg- und Klosterruine, der den lieblichen Ort überragt, wurde Ende des 18. Jahrhunderts quasi wiederentdeckt: Künstler wie Caspar David Friedrich bannten die wildromantische Szenerie auf Leinwand.

Ähnlich wie die Dampflok schnaufen wir hinauf zum Grenzkamm mit Tschechien. Die Strecke ist fast zu steil fürs Tourenrad, aber nicht allzu lange. Zudem verlangen die Sandsteinfelsen im Wald unbedingt einen Stopp. Naturphänomene wie steingewordene Riesengehirne und Monsterpilze „wachsen“ dort aus dem grünen Dickicht.

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Richtung Norden rollt das Rad wieder fast von allein – es geht bergab. Am Stadtrand von Zittau treffen in den Auen der Neiße die Grenzen von Deutschland, Polen und Tschechien aufeinander – nicht spektakulär, sondern eher entspannend. Genauso ruhig und gelassen zeigen sich das Kloster St. Marienthal und das benachbarte Ostritz, an denen der Neiße-Radweg vorbeiführt. Richtig lebendig wird die Lausitz dann wieder in „Görliwood“. So wird Görlitz gerne genannt, weil in Deutschlands östlichster Stadt in den vergangenen Jahren so viele historische Szenen gedreht wurden. Kein Wunder, denn Görlitz wurde im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört und lockt deshalb Filmer und Touristen mit reich verzierten Fassaden und Laubengängen aus verschiedensten Epochen. Die Schwesterstadt Zgorcelec jenseits der Freundschaftsbrücke in Polen versprüht allerdings eher den nüchtern-maroden Charme der sozialistischen Ära.

Die Neiße weist uns weiter den Weg und führt in Bad Muskau mitten hinein ins Gartenkunstwerk des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau. Mehr als 830 Hektar Landschaftspark ließ der Lebemann 1815 bis 1845 gestalten, zwei Drittel davon im heutigen Polen. Für den Park im englischen Stil rund um das Neue Schloss Muskau benötigt man wirklich ein Fahrrad, um seine ganze Pracht zu entdecken.

Aus der gleichen Epoche stammt der Kromlauer Azaleen- und Rhododendronpark, keine zehn Kilometer westlich von Bad Muskau an unserer Lausitz-Route. Neben exotischen Gehölzen überraschen dort die Kunstwerke aus sechskantigen Basaltstelen, wie Grotten, Pyramiden und vor allem die Rakotzbrücke.

Eine Kulisse ganz anderer Art eröffnet sich bei einem Abstecher zum Vattenfall-Turm bei Weißwasser: Der Braunkohle-Tagebau mit seinen Riesenbaggern und kilometerlangen Förderbändern würde eher zu einem düsteren Krimi oder Horrorfilm passen. Bleibt zu hoffen, dass sich nach der Rekultivierung die Region wieder in die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft einfügt. Durch diese liebliche Region mit Tümpeln und vielen Störchen rollen wir schließlich wieder entspannt gen Süden nach Bautzen.

Von Armin Herb