Kreatives Herz von Dresden: Ein Streifzug durch die Neustadt

Ein bisschen verschlafen wirkt er noch. Und irgendwas stimmt heute mit seinem Gehör nicht. „Wenn ich euch nicht auf Anhieb verstehe, wiederholt eure Frage noch mal ein...

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. Ein bisschen verschlafen wirkt er noch. Und irgendwas stimmt heute mit seinem Gehör nicht. „Wenn ich euch nicht auf Anhieb verstehe, wiederholt eure Frage noch mal ein bisschen lauter“, bittet Florian Bölike mit schiefem Grinsen. Der blonde junge Mann mit den bunt verschmierten Fingern hat am Vorabend etwas zu lange gefeiert. Die Gruppe, die er an der S-Bahn-Haltestelle trifft, lächelt nachsichtig. Bölike ist Graffiti-Künstler. Interessierten Besuchern zeigt der 27-Jährige bei einem Rundgang durch die Neustadt Street Art. Wer will, kann unter seiner Anleitung sogar selbst zur Spraydose greifen.

An verschiedenen Haltepunkten gibt es Kooperationen mit der Bahn. „Hier können wir uns richtig austoben“, sagt Bölike und deutet dabei auf den Treppenaufgang zum Bahnsteig Hechtstraße. Den ziert eine wilde Mischung aus Comic-Figuren, wütenden Sprüchen, kryptischen Kritzeleien und mittendrin: Kalligrafie. „Das ist von Benuz“, erklärt Bölike, „ein Mexikaner, der in Dresden lebt. Er ist mittlerweile sogar international bekannt.“ Ein paar Straßenzüge weiter hat der lateinamerikanische Graffiti-Star noch eine künstlerische Duftmarke hinterlassen: ein Werk, aus dem viel Violett, Pink und Türkis heraus stechen und eine Frau, die ein kleines Kind mit Adlerkopf schultert.

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Auf 20 bis 30 aktive Sprayer schätzt Florian Bölike die lokale Szene. Im vergangenen Jahr waren sie sogar Teil der Ostrale – Dresdens internationale Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Bölike gehört zu denen, die ausschließlich legal sprayen, also auf Flächen, die für Graffiti freigegeben sind. Das ist nicht bei allen so. Aber generell betont Bölike: „Wir wollen der Stadt was geben.“ Und zwar fernab von all der Barockseligkeit, die in der Elbmetropole sonst so gern zelebriert wird. Jung, authentisch, radikal und kreativ ist Dresden ganz woanders.

Um dieses Dresden zu finden, müssen Besucher über den Fluss, weg von Frauenkirche und Co. Auf der rechten Elbseite erstreckt sich die Neustadt, wobei das mit dem Begriff „neu“ so eine Sache ist. Neu war die Neustadt im 18. Jahrhundert. Schöne Gründerzeithäuser gehören hier zum Straßenbild. Sie sind schick saniert. „Goldstaubviertel“ spottet manch einer, weil sich hier so viele Steuerberater und Anwälte niedergelassen haben. Anders in der äußeren Neustadt. Zwischen Alaun-, Louisen-, Görlitzer- oder Böhmischer Straße herrscht der Geist der Bunten Republik Neustadt (BRN) – ein kleiner Anarcho-Verein, der sich kurz nach der Wende gegründet hatte, um eine Mikronation auszurufen. Dazu druckten die Macher sogar eigenes Geld und gaben eigene Pässe heraus. Als Fahne prangte auf schwarz-rot-goldenem Grund ein Micky-Maus-Kopf im Ährenkranz. Nach drei Jahren war zwar Schluss mit dem Staat im Staat. Doch seitdem besteht die BRN als großes Stadtteilfest weiter, das jedes Jahr im Juni an das anarchistische Treiben von damals erinnert. Dann werden die Bewohner zu Hobby-DJs. Auf Balkonen und Straßen drehen sie zu wummernder House-Musik die Plattenteller. Sie stellen ihre Sofas vor die Haustür, verkaufen Trödel, essen und trinken, tanzen und feiern bis in den frühen Morgen.

Genutzt wird die BRN aber auch für politische Aussagen. Ein „Refugees Welcome“-Aufkleber findet sich gefühlt an jedem zweiten Haus. An anderen Fassaden hängen Banner mit den Aufschriften „Yuppies, verpisst euch“ oder „Fernsehfleisch ist nicht mein Gemüse: Stoppt die GEZ“.

„Hier wohnt ein ziemlich linksalternatives Publikum“, erklärt Stadtführerin Sylvia Johne, die selbst in der Neustadt lebt, das Offensichtliche. „Pegida hat hier keine Chance.“ Das würde auch nicht zur Neustadt passen, die bereits zu DDR-Zeiten von Bürgerrechtlern und Intellektuellen bewohnt war.

1997, als das Viertel noch voller Punks und Hausbesetzer steckte, eröffneten die Brüder Peer und Sven Anders hier die erste Boutique, die Hugo Boss verkaufte. Mittlerweile haben sich die beiden mit ihrem eigenen Label einen Namen gemacht. Ihren Stil beschreiben sie als „clean und unaufgeregt“. Stoffe, Garn, Reißverschlüsse, und Etiketten kommen aus der Region. Das ungleiche Brüderpaar – der eine dunkelgelockt, der andere blond gewellt – gehört zur Slow-Fashion-Bewegung.

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„Das Gute an der Neustadt ist, dass du hier einfach machen kannst. Die Wohnungsmieten steigen zwar, aber die Gewerbemieten sind noch relativ gering. Das gibt vielen Leuten die Chance, sich ohne großes Risiko einfach mal auszuprobieren“, sagt der dunkelhaarige Peer, während er den Einkauf eines Enddreißigers in die schicke Einkaufstasche packt. Der Kunde ist Tourist aus Frankfurt, wie sich herausstellt. Warum es ihn in die Neustadt verschlagen hat? „Ich will ja das echte Dresden erleben“, antwortet der Mann wie aus der Pistole geschossen und lässt sich von den Designer-Brüdern gleich noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben – zum Essen ins Villandry, auf einen Drink in die Studio-Bar, und falls er beim nächsten Mal auch in der Neustadt übernachten will, soll er doch ins Raskolnikoff gehen.

Das Viertel bietet einen faszinierenden Mix: hier schnieke Weinbar, dort verranzte Antifa-Kneipe. Egal ob Second-Hand-Laden oder Ledermanufaktur, Bio-Markt oder Dönerbude, Ein-Euro-Laden oder Kunstgewerbehof – hier gibt es alles, in friedlicher Co-Existenz. Die Neustadt ist ein Magnet, an dem Kreative aller Couleur kleben bleiben.

Beispiel „LÖ14“: Der alte Gewerbehof in der Lößnitzstraße ist zum Hotspot der Kultur- und Kreativwirtschaft geworden. Ein Blick auf die Briefkästen verrät: Hier arbeiten Fotografen, Architekten, Web-Designer oder Software-Programmierer. Und Johann Ruttloff. Im Erdgeschoss von Haus 7 fertigt der 27-Jährige Maß-Jeans aus italienischem Denim-Stoff. Zehn bis fünfzehn pro Monat. Das reicht. Seine Kunden kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

„Zuerst hab ich hier in Dresden noch Mode-Design studiert“, erzählt Ruttloff, „aber nach drei Monaten habe ich hingeworfen, weil die Nachfrage nach meinen Jeans schon so groß war.“

Im Stockwerk über ihm bedruckt eine 22-Jährige, die sich Linda nennt, derweil ökologisch produzierte T-Shirts für die „Nikkifaktur“. Die Illustrationen stammen von Dresdner Künstlern wie Lars P. Krause, der sein Atelier gleich nebenan hat. Er wurde sogar schon von amerikanischen Rockbands beauftragt, ihre Poster zu gestalten. Das T-Shirt, das Linda heute trägt, zeigt Motör-head-Legende Lemmy Kilmister. Den besonderen Flair des Viertels bringt sie gut auf den Punkt: „Die Neustadt nimmt dich ganz anders auf als andere Gegenden in Dresden. Hier sind alle wie eine große, bunte Familie.“

Von Alexa Christ