Auf der Bodensee-Insel Reichenau gibt es nicht nur Gemüse

Sie heißen „Moonray“, „Funstream“ oder „Summersun“ und sind die unangefochtenen Stars im Angebot von Bio-Landwirt Gerhard Uricher, der sich in den Sommermonaten...

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. Sie heißen „Moonray“, „Funstream“ oder „Summersun“ und sind die unangefochtenen Stars im Angebot von Bio-Landwirt Gerhard Uricher, der sich in den Sommermonaten vornehmlich auf den Anbau von Tomaten und Gurken konzentriert. Der 62-Jährige hat mit seinem als Familienbetrieb geführten Hof maßgeblichen Anteil daran, dass die Reichenau ihrem weitverbreiteten Ruf als Gemüseparadies gerecht wird. Die größte Bodensee-Insel, unmittelbar vor den Toren von Konstanz gelegen, allein darauf zu reduzieren, würde dem grünen Flecken, der im Jahr 2000 in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen wurde, allerdings nicht gerecht werden.

„Wären wir einmal von der Außenwelt abgeschnitten, bei uns müsste niemand verhungern oder verdursten“, sagt Karl Wehrle, Geschäftsführer des Verkehrsvereins Reichenau, nicht ohne Stolz. Das liegt zum einen an Uricher und seinen Kollegen, die ihr Gemüse zum Teil direkt vermarkten. Zum anderen aber auch an den noch vier verbliebenen hauptamtlichen Fischerfamilien, deren Fänge größtenteils auf der Insel bleiben. Sie finden sich zum Beispiel auf den Speisekarten der umliegenden Gastronomiebetriebe wieder. „Andere Gourmetrestaurants müssen sich eigene Gemüsegärten anlegen, um die erforderliche Qualität gewährleisten zu können. Wir sind in der glücklichen Lage, die Reichenau unmittelbar vor der Haustür zu haben, und dürfen uns hier bedienen. Ich wäre ein Narr, wenn ich dieses Angebot nicht annehmen würde,“ unterstreicht Zwei-Sterne-Küchenchef Dirk Hoberg vom „Ophelia“ im Hotel Riva in Konstanz.

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„Wer bei uns Bodenseefelchen bestellt, der bekommt auch Bodenseefelchen auf den Teller“, betont Wehrle, wohl wissend, dass dem längst nicht mehr überall so ist. Rheinaufwärts kann die steigende Nachfrage allenfalls noch zu 20 Prozent unmittelbar aus dem Fluss abgedeckt werden, der Rest der Süßwasserfische kommt aus Zuchtanlagen. „So kurios es auch klingen mag, aber die Badewasserqualität geht heute auf Kosten des Fischbestands, dem mit den Abwässern auch die Nährstoffe entzogen wurden“, sagt Karl Wehrle.

Ein weiteres wichtiges Standbein der Inselbewohner ist der Weinanbau, auch wenn sich mittlerweile ausschließlich Nebenerwerbswinzer die 21 Hektar Rebfläche untereinander aufteilen. Dass sich das Ergebnis nicht nur sehen, sondern vor allem schmecken lassen kann, davon dürfen sich die Gäste am jeweils ersten Wochenende im August überzeugen, wenn die Reichenau zum traditionellen Wein- und Fischerfest lädt. Die beiden bevorzugten Rebsorten: Spätburgunder und Müller-Thurgau, letzterer benannt nach dem aus dem benachbarten Kanton Thurgau stammenden Schweizer Hermann Müller, der mit seiner Neuzüchtung 1882 in der Forschungsanstalt in Geisenheim für Furore sorgte.

Wer in aller Ruhe die Reize der Insel auf eigene Faust erkunden möchte, der sollte allerdings einen anderen Zeitpunkt wählen und hierfür mehr als nur ein oder zwei Tage einplanen. Insgesamt fünf Hotelbetriebe und mehr als 100 Ferienwohnungen sowie Privatzimmer und ein großer Campingplatz laden zum Urlaubserlebnis ein.

Neben den drei Kirchen gehört das im Jahre 724 von Wanderbischof Pirmin gegründete einstige Benediktinerkloster, das im frühen Mittelalter seine Blütezeit erlebte, zu den Sehenswürdigkeiten der Insel. Auch wenn die letzten Mönche die Reichenau 1803 verließen, haben sie doch über Jahrhunderte hinweg ihre Spuren hinterlassen. So erinnert im Schatten der Klostermauern ein fast unscheinbar wirkendes, nach historischem Vorbild angelegtes Gärtchen an das Wirken von Abt Walahfrid Strabo. 444 Verse verfasste er über die 24 bedeutendsten Heilkräuter sowie deren Bedeutung und Wirkung. Sein berühmter „Hortulus“ gilt unter Botanikern bis heute als wegweisend.

Apropos: Wenn sich am Samstag halb Konstanz auf den Weg zur Reichenau macht, um sich vor Ort mit frischem Salat und Gemüse einzudecken, bietet sich dem flüchtenden Insel-Urlauber die beste Gelegenheit zum Tagesausflug zu einer der sehenswerten umliegenden Gartenwelten. Beispielsweise auf der Blumeninsel Mainau, in Schloss Salem oder auf dem erhabenen Arenenberg auf der gegenüberliegenden Schweizer Seite des Sees, wo einst Napoleon III. weilte. Von hier aus konnte der französische Herrscher nicht nur in Richtung Paris schauen, sondern genoss auch den besten Blick auf „seine“ Insel Reichenau. Der Überlieferung nach war er es, der die schmale Verbindung zum Festland von mächtigen Pappeln einsäumen ließ und dem 1 300 Meter langen Damm als „kaiserliches Entre“ seinen bis heute erhaltenen Charakter verlieh.