Rheinland-Pfalz: Keine Schulnoten während Corona-Pause

aus Coronavirus-Pandemie

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Über 15.000 Laptops hat die Landesregierung für Schüler geordert - doch erst gut 700 wurden ausgeliefert. Archivfoto: dpa

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Hubig hat klargestellt, dass es keine Benotung geben soll, solange die Schulen geschlossen sind. Das bringt jedoch Probleme mit sich.

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MAINZ. Die Ansage in Richtung Homeoffice war unmissverständlich. „Denkt daran, dass Euch nach den Osterferien in der Schule keine Übungszeit mehr zur Verfügung steht“, schrieb eine Schule in Rheinhessen kürzlich an seine Corona-bedingt daheim büffelnden Schützlinge. „Wir werden nur noch dass von Euch Eingeübte gemeinsam sichern und jede Woche (mindestens) eine HÜ (Hausaufgabenüberprüfung; Red.) schreiben.“ So geht Leistungsdruck.

Die harsche Nachricht war offensichtlich kein Einzelfall. Jedenfalls sah sich die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) zu einer Klarstellung veranlasst: So lange die Schulen wegen Corona dicht sind – aktuell ist das bis 20. April geplant – solle es keine Noten geben. „Auf eine Benotung dieser unter außergewöhnlichen Umständen erbrachten häuslichen Leistungen muss ebenso verzichtet werden wie auf die Androhung von Sanktionen bei nicht erbrachten Leistungen“, schrieb Hubig am Wochenende in einem Brief an alle Schulen. Zugleich veröffentlichten Ministerium und Pädagogisches Landesinstitut Leitlinien fürs digitale Lernen – auch diese mit klarem Tenor. „Weniger ist mehr!“, lautet eine Kernthese. „Für die Erledigung von Arbeitsaufträgen benötigen die Lernenden zu Hause fast doppelt so lange; Prioritäten setzen und realistisch bleiben.“

Lösung soll auch juristisch Bestand haben

Der Aufruf zur Zurückhaltung stößt bei den Schulen grundsätzlich auf Zustimmung. „Wir haben alle erst im Nachhinein gemerkt, was für ein großer Druck in dieser Situation entstehen kann“, meint ein Schulleiter. Allerdings birgt der Verzicht auf Leistungsbewertungen während der Schulschließzeit durchaus Sprengstoff – dann nämlich, wenn es nach den Osterferien doch nicht gleich wie geplant mit Unterricht weitergehen kann. Dann stellt sich nämlich noch drängender denn je die Frage: Wie geht das Schuljahr weiter – so ganz ohne Noten(druck)?

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Das Bildungsministerium legt sich derzeit noch nicht fest, ob die Schließzeit nach den Ferien ausgedehnt wird. „Das ist keine bildungspolitische, sondern vielmehr eine gesundheitspolitische Entscheidung“, sagte ein Sprecher am Montag. „Wir erarbeiten derzeit Regelungen zu Leistungsfeststellungen und Leistungsbeurteilungen in der verbleibenden Zeit des Schuljahres“, heißt es in Hubigs Schreiben an die Schulen. Diese Woche soll es dazu weitere Informationen geben.

Pädagogisch wäre das Problem Schule ohne Noten lösbar. „Es gibt genug Ansätze und Beispiele, wie man Schüler auch ohne Noten versetzen könnte“, meint ein Insider. Zum Beispiel auf Grundlage von Verbalbeurteilungen. Für das Ministerium geht es allerdings darum, Lösungen zu finden, die notfalls auch vor Gericht bestehen. Wenn Schüler gegen ihre Nichtversetzung klagen, nachdem sie wegen Corona keine Chance hatten, Leistungen nachzuweisen, hätten sie juristisch gute Chancen, glauben Experten. Paragraf 71 der Schulordnung („Versetzung in besonderen Fällen“) lässt dafür einige Spielräume.

Chancengleichheit muss gewährleistet bleiben

Eine besondere Herausforderung stellt ein Halbjahr ohne Noten vor allem an zwei Stellen im Schulsystem dar. Erstens bei Abschlussklassen, die sich mit diesen Zeugnisnoten bewerben. Zweitens in den gymnasialen Oberstufen, weil dort jedes Halbjahr einzeln für das Abitur gewertet wird, in vielen Kursen aber seit dem Halbjahreszeugnis bisher noch keine Arbeit geschrieben worden ist.

„Oberstes Ziel ist es, dass keinem Schüler aus dieser Situation unverschuldet Nachteile entstehen“, betonte das Bildungsministerium. Man habe die Notengebung ausgesetzt, weil die Chancengleichheit und die Zurechnung einer Leistung zu einem Schüler bei Heimarbeit nicht so zu gewährleisten seien wie im Normalbetrieb – und wie es das Schulgesetz vorschreibt.

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Auch ohne Noten, die noch versetzungsrelevant werden könnten, sollen Lehrer fleißig Feedback geben: Das sei motivierend, schaffe Struktur beim Heimunterricht und sei „pädagogisch sinnvoll“. Das Ministerium räumt dabei durchaus ein, dass das Maß zwischen Aufgabenumfang und Möglichkeiten der Schüler nicht immer gehalten werden konnte: „Diese Situation ist für alle neu. Das führte natürlich dazu, dass sich in den ersten Tagen einiges einspielen musste.“ Mittlerweile seien die Rückmeldungen hierzu aber „sehr positiv“.

Von Ulrich Gerecke