"Oft ohne jede Kontrolle": Susanne Schröter über...

Mit dem Problem des Salafismus befasst sich ein von Wiesbadener Schülern gemaltes Plakat. Foto: dpa

Da der Salafismus nach wie vor eine nicht zu vernachlässigende Jugendbewegung ist, gibt es auch ein großes Angebot an Extremismus-Präventionsangeboten. Über deren Vor- und...

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WIESBADEN. Die Nachfrage nach Extremismus-Prävention ist mit der Zahl der Salafisten und Dschihadisten gewachsen. Das Angebot wird immer unübersichtlicher. Und manchmal ist ihre Wirkung umstritten. Die Wiesbadener Jugendinitiative „Spiegelbild“ etwa bekämpfte ursprünglich Phänomene wie Rassismus. Dann entwickelte sie mit „X-Dream“ ein Projekt, das sich mit religiösem Extremismus auseinandersetzt. Zwar wurde die Arbeit von der renommierten Wissenschaftlerin Susanne Schröter begutachtet. Doch der Stadt gefiel das Ergebnis ihrer Expertise nicht: Sie hält sie deshalb unter Verschluss. Darüber sprachen wir mit der Professorin, die an der Frankfurter Goethe-Uni lehrt.

Frau Schröter, im Nahen Osten ist der „Islamische Staat“ weitgehend auf dem Rückzug. Verliert damit in Deutschland der Salafismus an Attraktivität?

Ganz im Gegenteil. Der Verfassungsschutz verzeichnet einen ungebrochenen Zulauf junger Männer und Frauen, ja sogar von Kindern ins salafistische Milieu. Dazu kommt die Problematik aus Syrien und dem Irak zurückkehrender Dschihadisten und Dschihadistinnen. Salafismus ist eine internationale Jugendbewegung geworden, die für viele Jugendliche als „cool“ gilt.

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Präventionsprojekte, mit denen Jugendliche gegen die Verführungen der Islamisten immunisiert werden sollen, schießen wie Pilze aus dem Boden. Sind sie tatsächlich ein wirksames Mittel?

Präventionsmaßnahmen sind notwendig, kranken aber häufig daran, dass sie keiner nachvollziehbaren Kontrolle unterliegen. Es ist mittlerweile ein regelrechter Präventionsmarkt entstanden, auf dem sich Anbieter tummeln, über deren Qualifikation man mitunter streiten kann. Leider wird die Evaluierung der einzelnen Maßnahmen vernachlässigt beziehungsweise werden Evaluierungsergebnisse nicht veröffentlicht. Eine politische oder gesellschaftliche Diskussion über die Wirksamkeit von Maßnahmen findet nicht statt, sodass auch vollkommen ineffektive Maßnahmen weiter finanziert werden.

Wie lässt sich die Spreu vom Weizen trennen?

Nur durch eine konsequente Offenlegung von Maßnahmen und eine öffentliche Diskussion darüber. Wissenschaftlich wird seit Jahren zum Phänomen des Salafismus geforscht, doch die Ergebnisse dieser Forschungen werden nicht immer berücksichtigt.

Im Kreis Offenbach finanziert vor allem die Europäische Union ein Projekt, das sich gegen religiösen Extremismus richtet, das Land wiederum bezahlt die Deradikalisierer von Violence Prevention Network (VPN). In Wiesbaden ist es schließlich die Kommune, die seit zwei Jahren den Verein „Spiegelbild“ fördert, der Extremismusprävention durchführt. Da verliert man rasch den Überblick, wer was bezahlt.

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Die Lösung des Problems wäre eine konsequente Erfassung aller Maßnahmen.

Die Präventionsarbeit von „Spiegelbild“ begann vor zwei Jahren und wurde mit 165.000 Euro gefördert. Für so viel Geld gab es bislang sechs Workshops und sechs Fortbildungen. Manche glauben, was viel kostet, bringt auch viel.

Zu einer sinnvollen Evaluierung würde auch eine Überprüfung der Finanzen gehören, die aufgewendet werden. Allein die Bereitstellung von Finanzen garantiert noch keinen Erfolg der Maßnahmen.

Von Christoph Cuntz