Gastbeitrag von Dirk Metz: Homeoffice wird nicht Standard

Unser Gastautor Dirk Metz ist Inhaber einer Agentur für Kommunikation und Krisenkommunikation. Zuvor war der gelernte Journalist elf Jahre Sprecher der hessischen Landesregierung. Foto: Metz

Das Arbeiten von zu Hause aus erlebt einen medialen Hype, stellt unser Gastautor Dirk Metz fest. Doch er fordert einen nüchternen Blick auf Chancen und Begrenztheiten des...

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. Ganz Deutschland befindet sich seit Monaten im Homeoffice! Ganz Deutschland? Dieser Eindruck lässt sich derzeit jedenfalls beim Blick in viele Medien gewinnen. Und es scheint ohnehin auch nichts Besseres zu geben als seinen Beruf von zu Hause erledigen zu können – in lockerer Freizeitkleidung, wenn nicht gerade eine Videokonferenz ansteht, bei der das eher unpassend wäre. Fahrzeiten ins Büro entfallen, sodass Freizeit gewonnen wird, mancher allerdings auch mehr arbeitet als zuvor. Die moderne Technik macht es möglich, außer wenn das Wlan gerade mal nicht funktioniert.

Die Medien beschäftigen sich aber nicht mehr nur mit den vielen Vorteilen des Homeoffice, sondern längst zum Beispiel mit der Frage, wie viel Bürofläche dauerhaft überflüssig sein wird. Und ob sich diese frei werdenden Flächen in den großen Städten zu Wohnraum umwandeln lassen. Politiker werfen die Forderung nach einem „Recht auf Homeoffice“ auf und stellen Überlegungen an, was die Unternehmen alles tun müssen, damit möglichst alle Beschäftigten zu Hause über optimale Arbeitsbedingungen verfügen, um jederzeit zwischen Homeoffice und Betrieb wählen zu können.

Es ist ein sehr eingeengter Blick, der uns da geboten wird. Mit der Wirklichkeit der meisten Menschen hat er wenig zu tun. Laut Erhebungen arbeiten in diesen „Corona-Zeiten“ rund 20 Prozent der Beschäftigten zumindest zeitweise im Homeoffice. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass die meisten Berufstätigen „ganz normal“ wie eh und je ihrem Beruf nachgehen oder sich zum Beispiel in Kurzarbeit befinden.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist das eine Diskussion weit weg von ihrer Lebenswelt. Arbeitnehmer in der industriellen Produktion, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einzelhandel oder im Nah- und Fernverkehr, im Handwerk, im Straßen- und Wohnungsbau können nicht einmal davon träumen, ihre Arbeit von daheim zu erledigen. Homeoffice kennen sie nur aus den Medien. Es ist vor allem etwas für Beschäftigte in Büros und vielfach solche mit hohen Bildungsabschlüssen.

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Ich weiß sehr wohl, dass das Homeoffice viele Möglichkeiten bietet und unsere Arbeitswelt dauerhaft verändern wird. Nichts wird wieder so sein wie vor Corona. Persönlich, ja sehr persönlich für mich als Eigentümer einer Kommunikationsagentur sehe ich aber nicht nur die Vorteile. Da ist nicht nur der hohe organisatorische Aufwand. Mir fehlt auch der permanente Austausch im Büro, der schnelle Zuruf, die spontane Idee oder das Ringen um einen zündenden Begriff – das geht kaum in Video- oder Telefonkonferenzen, sondern einfach so im täglichen Miteinander. Wie überhaupt Videokonferenzen natürlich ein wertvolles Hilfsmittel sind, den Austausch in einer Gruppe am runden Tisch und den direkten Kundenkontakt aber nicht wirklich ersetzen können. Und ich denke vor allem an junge Leute, die in diesen Zeiten eine neue oder gar ihre erste Stelle antreten und zum Start mitgeteilt bekommen, dass sie ihren Kolleginnen und Kollegen bis zum Jahresende nur virtuell begegnen können.

Ein nüchterner Blick der Medien auf die Chancen und die Begrenztheiten des Homeoffice täte also gut. Aber leider gibt es medial zu oft nur Schwarz oder Weiß. So wie beispielsweise – nicht erst seit den Corona-Ausbrüchen in Betrieben der Fleischwirtschaft – in der Berichterstattung vieler Medien der Eindruck erweckt wird, als stiegen immer mehr Menschen auf vegetarische oder vegane Ernährung um. Vegetarier preisen die Fleischlosigkeit in Talkshows, Veganer liefern in Printprodukten die Rezepte dazu. Doch auch dies ist fern der Wirklichkeit, denn der Fleischkonsum der Menschen in Deutschland ist über die letzten Jahre hinweg mit rund 60 Kilogramm pro Jahr und Verbraucher stabil geblieben.

Das Homeoffice wird nicht der Standard-Arbeitsplatz für uns alle in Deutschland werden. Und ob an diesem sonnigen Wochenende Steak oder Bratwurst aus tierischer oder pflanzlicher Produktion auf den Grill kommen sollte jedem Verbraucher selbst überlassen bleiben.

Von Dirk Metz