Wohnen auf wenig Platz voll im Trend

Fröhliche Atmosphäre und zurückhaltende Möblierung im Apartment in Berlin, das Fabian Freytag gestaltet hat.

Immobilienpreise explodieren, Energiepreise steigen. Aber kann man auf 30 Quadratmeter leben? So großartig können kleine Apartments aussehen.

Anzeige

. Wenn’s um Raum geht: Wie viel davon braucht ein Mensch zum Glücklichsein? Manchmal reichen 30 Quadratmeter. Das ist für viele undenkbar, die in einer großzügigen Villa oder einem alten, mächtigen Bauernhaus auf dem Land wohnen, aber in den Städten sieht es eben anders aus, und das muss nicht nur nicht schlimm sein, sondern kann ziemlich fancy sein.

Wohnen auf wenig Platz ist aus mehreren Gründen angesagt. Es explodieren in den Metropolen die Preise für Immobilien und Mietwohnungen und die jetzt steigenden Energiepreise lassen eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung mit vier Meter hohen Räumen weniger charmant erscheinen. Die junge Generation gibt lieber fürs Reisen und Erfahrungen-Sammeln Geld aus als für Betongold.

Andere junge und ältere Menschen, die sich dem Minimalismus verpflichtet fühlen, nehmen für sich und ihre paar Habseligkeiten entsprechend wenig Platz in Anspruch. Weil aber nicht jeder in eine Wohngemeinschaft ziehen mag, sondern Privatsphäre mit eigenem Badezimmer schätzt, sind kleine Apartments en vogue.

Anzeige
Blick ins minimalistische Badezimmer,  im Spiegel die weiß-gelbe  Decke.
Blick ins minimalistische Badezimmer, im Spiegel die weiß-gelbe Decke. (© Foto: Anne Deppe)

Solche wie sie der 1984 in Hamburg geborene Fabian Freytag gestaltet. Der Architekt ist vom Fachmagazin „AD“ unter die 100 wichtigsten Designer 2022 gewählt worden und hat für seine Entwürfe vielfach Auszeichnungen erhalten. Während seines Architekturstudiums an der Universität der Künste in Berlin hat er an der Filmhochschule in Ludwigsburg auch ein Szenenbildprojekt realisiert. Das erklärt seinen Sinn für bühnenreife Ausstattungen: „Wes Andersons ‚Grand Budapest Hotel‘ habe ich 50- oder 60-mal gesehen, weil seine Liebe zu Räumen unmenschlich groß ist. Diese Vernarrtheit in schöne Räume finde ich großartig.“ Ihm selbst sei es natürlich wichtig, dass Objekte formal gut geplant seien, aber dann „baut man auch ein Gefühl, das man auslösen will“.

Staunen, Lächeln, Heiterkeit, das sind die ersten Gefühle angesichts des caprisonnenfarbenen fröhlich coolen 30-Quadratmeter-Studios, das Fabian Freytag in einem Apartmenthaus in Berlin gestaltet hat – in einem Gebäude aus den 60er Jahren, das einmal als Pflegeheim konzipiert war. Weiße Wände, wenige Möbel und dann der Blick nach oben: ein gelb-weiß gestreifter Deckenanstrich. „Ich habe mich viel mit dem italienischen Architekten Gio Ponti beschäftigt“, sagt Fabian Freytag. „Er hat schon in den 70ern ganz selbstverständlich mit Farben und Formen gearbeitet, mit einer verspielten Leichtigkeit und Augenzwinkern.“

Sperrholz-Heim von Studio Aixoplux in Spanien,  durch Terrazzo und Marmor geadelt.
Sperrholz-Heim von Studio Aixoplux in Spanien, durch Terrazzo und Marmor geadelt. (© José Hevia/gestalten.com)
Anzeige

Positive Feriengefühle stellen sich ein angesichts der Streifen, die einen Effekt erzielen, als sitze man unter einer Sonnenmarkise. Viele Gestalter machten sich Mühe mit Tapeten und Böden, sagt der Architekt, die Decke aber werde vernachlässigt. Mit dieser Zirkusdecken-Anmutung gewinnt der Raum gefühlt an Höhe. „Bei fast jedem Projekt machen wir erst einmal Tabula rasa, alles kommt raus, wir behalten nur die Gebäudehülle und denken dann alles neu.“

„Flexibles Wohnen ist totaler Quatsch”

Von allzu flexiblen Wohnmodulen, bei denen etwa Tische umklappbar und zu Betten umgewandelt werden können, hält er nicht so viel. „Flexibles Wohnen ist totaler Quatsch. Kein Mensch stellt ständig Sachen um. Wir kommen aus der Höhle. Wohl fühle ich mich da, wo ich den Eingang und den eventuellen Feind sehe. Ich habe eine Feuerstelle in der Mitte, rundherum schlafen alle. Das hat sich nicht grundlegend verändert. Eine Wanderhöhle gab es damals schon nicht.“

Aufgebockte Schlafkoje im 29-Quadratmeter-Apartment in London von Proctor und Shaw.
Aufgebockte Schlafkoje im 29-Quadratmeter-Apartment in London von Proctor und Shaw. (© gestalten.com/Photo by Ståle Eriksen)

Die Einbauküchenmöbel in diesem Berliner Apartment sind also zurückhaltend weiß, dafür zieht der runde Tisch mit den vier verschiedenen Stühlen alle Aufmerksamkeit auf sich. Der Schlaf- und Ruhebereich ist durch eine kleine Stufe markiert. Neben dem Bett findet sich ein schwarzer Liegesessel.

„Eine Sofaecke ist verzichtbar, aber ein schöner Sessel und ein ordentlicher Esstisch müssen sein. Da findet viel mehr statt als auf einem Sofa. Der Essplatz ist der zentrale Punkt des Lebens.“ Man isst, sitzt, redet, arbeitet hier. Hinter einer reflektierenden Wandverkleidung, die einfallendes Licht spiegelt und den Raum hell macht, findet sich das Bad. Wichtig, wenn man wenig Platz hat und wenige Möbel zum Einsatz kommen, sagt der Architekt, sei eine Wertigkeit des Materials und maximales Ausnützen des Raumes. Da lohne es, in passgenaue Einbauten zu investieren.

Als eines der 50 schönsten Wohnkonzepte wurde das Apartment von einer Innenarchitektenjury von „Best of Interior“ gewählt. Ein anderes Interieur, das mit Einbauten punktet, findet sich in London, jüngst prämiert vom Fachmedium „Dezeen“. Das Shoji Apartment von Proctor und Shaw ist 29 Quadratmeter klein, überzeugt mit einer hellen, kunstvoll improvisierten Optik. Hier wurde der Bettbereich ins Vertikale hinaufgebaut, mit Birkensperrholz und halbdurchsichtigen Elementen, Polycarbonat-Trennwänden gearbeitet – geborgt von der Tradition der japanischen verschiebbaren Raumteiler, Shoji genannt. Die Jury war angetan von der „innovativen Lösung“, bei einer derart herausfordernden Raumgröße funktional alles unterzubringen, was ein normales Apartment braucht – samt Walk-in-Dusche.

„Eine Sofaecke ist verzichtbar, aber ein schöner Sessel muss sein“, sagt der Architekt Fabian Freytag.
„Eine Sofaecke ist verzichtbar, aber ein schöner Sessel muss sein“, sagt der Architekt Fabian Freytag. (© privat)

Ausmisten kann eine Befreiung sein

Helle Einbauten, sanfte Farben sorgen für Ruhe im Raum. Das Projekt findet sich auch schon in dem anregenden Bildband „Pretty Small“ von Gestalten, und der Titel hält Wort, die vorgestellten Wohnbeispiele sind ziemlich klein und zeigen jede Menge feiner Lösungen mit Zonierungen durch Teppiche oder verschiedene Wandfarben, mit trennenden Vorhängen oder Möbeln, die von beiden Seiten bespielbar sind. Und je weniger vollgepackt mit Möbeln und Dingen solche Räume sind, desto größer wirken sie.

Und, so unterschiedlich die kleinen Prunkkammern sind, vor dem Einzug heißt es: ausmisten, sich trennen von Ballast. Das kann eine Befreiung sein – und trotzdem zu dem führen, wofür es nur schwer eine Übersetzung aus dem Deutschen gibt: Gemütlichkeit.

Von Nicole Golombek