Grauenvolle Filme sorgen für einen Adrenalinkick. Foto: Nomad_Soul – stock.adobe

An Halloween herrscht der Horror im Fernsehen und auf den Straßen. Doch was fasziniert uns am Fürchten? Wie der Grusel auf die Psyche wirkt, untersuchen Forscher.

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in gruseliger Wald und eine dunkle Nacht sind keine gute Kombination. Diese Erkenntnis hatten schon Hänsel und Gretel – und doch gehen immer wieder leichtsinnige Zeitgenossen das Wagnis ein. Chris ist so ein Fall. Ein Stau hat ihn viel Zeit gekostet, also nimmt er eine Abkürzung durch den Wald, wo er prompt mit einem anderen Wagen zusammenstößt. Glücklicherweise hocken darin keine Knusperhexen, sondern ein paar harmlose Teenager. Gemeinsam geht’s auf Pannenhelfersuche durchs Dickicht, doch nach 90 Minuten endet die Sache blutig – und daran ist weniger das Dornengestrüpp denn eine Horde Kannibalen schuld, die hungrig auf Opfer lauern.

Das ist der Plot des Splatter-Films „Wrong Turn“. Horror-Schocker oder subtile Grusel-Thriller: Das Genre boomt und bekommt gerade jetzt in der Zeit um Halloween neues Futter. Gänsehaut-Fans wie Saskia Kowal freut’s: „Es macht Spaß, Angst zu haben oder sich kurz zu erschrecken, obwohl man weiß, dass es unrealistisch ist“, erklärt die Wiesbadenerin. „Ich denke, man entflieht auf diese Weise kurzzeitig der Realität und lässt sich auf eine neue Erfahrung ein.“ Die 30-Jährige mag Schocker wie „Gothica“, „Flatliners“ und „Hannibal Rising“ am liebsten, in denen – anstelle von Gemetzel – auf Spuk, Schaudereffekte und Spannungsmomente gesetzt wird. Damit bestätigt sie eine Studie britischer Mathematiker vom Londoner King’s College, die eine Formel zur Gruselfaktor-Bestimmung eines Films entwickelt haben. Erfasst wurden neben dem Spannungsbogen die Menge an Kunstblut und die realistische Darstellung.

Stephen King-Film führt Grusel-Statistik an

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Die Siegerkrone holte „The Shining“ nach der Romanvorlage von Horror-Ikone Stephen King, obwohl die Blutmenge da recht überschaubar ist. Entscheidend war das Setting, das bei der Bewertung von Gruselfilmen ein gewichtiges Kriterium darstellt: Je isolierter die Hauptfigur ist und umso düsterer das Set (in diesem Fall ein einsam gelegenes Hotel in den zugeschneiten Bergen), desto höher ist der Nervenkitzel beim Zuschauer.

Warum aber sehen wir uns solche Filme an? Weshalb lesen wir Thriller, lieben Gespenstergeschichten am Lagerfeuer und erschrecken einander mit furchterregenden Halloween-Kostümen?

Der Grund ist eine körpereigene Aufputsch-Mixtur, die durch solche Erlebnisse freigesetzt wird: Der Hypothalamus gerät in Alarm, das Nebennierenmark stößt das Stresshormon Adrenalin aus, woraufhin der Blutzuckerspiegel steigt und das Herz schneller schlägt. Diese Empfindung ist gleichsam unangenehm wie packend, denn der ganze Körper schreit Gefahr – allerdings mit Hintertürchen.

Der Berliner Biopsychologe Peter Walschburger bezeichnet dieses Gefühl als „Angstlust“, die sich nicht zwangsläufig auf Horrorfilme und Schauerromane beschränken muss, sondern auch die Faszination an Naturkatastrophen, menschlichen Tragödien, Kriegsverbrechen und Unfällen einschließen kann.

Weil wir in der Sicherheit unseres Kinosessels nicht selbst die Flucht vor dem unheimlichen Mörder wagen oder albtraumhafte Zombies bekämpfen müssen, strömt direkt im Anschluss das beruhigende Hormon Endorphin durch die Venen. Dieser hormonelle Cocktail verursacht einen kleinen Rausch – und schon wollen wir mehr. Einen ähnlichen Effekt ruft eine Achterbahnfahrt oder der Sprung am Bungee-Seil in die Tiefe hervor.

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Los geht der spielerische Umgang mit der Gänsehaut meist in der Pubertät mit ersten Mutproben. Die Bereitschaft dazu bildet sich laut Professor Walschburger bereits in der frühen Kindheit: Je besser sich die Geborgenheitserfahrung infolge einer guten Bindung zu den Eltern entwickelt hat, desto sicherer fühlen sich die Kinder gewappnet für die Abenteuer dieser Welt. Freilich ist auch hier das Wesen individuell ausschlaggebend: Unsichere oder wiederum sehr vernünftige Teenager können gefährlichen Spielchen meist weniger abgewinnen.

Gruseln als Überlebenstraining

Auch in der Tierwelt proben die Jungen im Hintergrund, sicher behütet vom Muttertier, die Konfrontation mit möglichen Gefahren, um so Überlebensstrategien für ihr eigenständiges Leben in der Wildnis zu entwickeln. Überträgt man dies auf Zweibeiner, kann die Lust am Grusel als ein in der Menschheitsgeschichte tradiertes Überlebenstraining verstanden werden. Nicht umsonst standen schon vor Jahrhunderten Geschichtenerzähler hoch im Kurs, die furchterregende Mythen weitergaben; auch die Märchen der Gebrüder Grimm können gerade kleinen Kindern ordentlich das Fürchten lehren.

„Gruselgefühle stellen eine normale, gesunde menschliche Gefühlsausprägung dar, die sich im Grunde kontrolliert mit Schreckensvorstellungen beschäftigt. Damit übt die Psyche aus sicherer Entfernung den Umgang mit Gefahr und Bedrohung“, erklärt Dr. Christa Roth-Sackenheim vom Deutschen Institut für Angstüberwindung in Hamburg. Dabei müsse man Grusel von Angstgefühlen unterscheiden, die eine wichtige Schutzfunktion für den Menschen haben. Die normalen Grundängste des Menschen bestehen in der Angst vor Gefährdung von Leib und Leben, vor Kontrollverlust und davor, im Alter allein und krank zu sein. Grundsätzlich sei die Fähigkeit, Angst zu empfinden oder auch sich gruseln zu können, so individuell wie die Gefühlslage oder die Gefühlsbegabung eines jeden Menschen. Grusel sieht die Psychiaterin und Neurologin nicht zwangsläufig als negative Emotion. „Man kann sich ja bewusst in der Fantasie einer gefährlichen Situation aussetzen, aber auch mit dieser spielen, man hat also die Kontrolle. Das kann auch faszinierend sein.“ Diese psychische kontrollierte Spannung werde in bestimmten Filmgenres oder an Halloween erfolgreich eingesetzt.

Bei Angst indes müsse man unterscheiden zwischen normaler beziehungsweise gesunder Angst als Alarmfunktion und der Entwicklung zur Krankheit, wenn sie sich nicht mehr kontrollieren lässt, also auch in ungefährlichen Situationen auftritt, dadurch zu Vermeidungsverhalten oder zu hohem psychischem Leidensdruck und körperlichen Reaktionen führt. Ob sich jemand über die Begegnung mit einem Horror-Clown auf der Halloween-Party oder dem „Exorzisten“ im späten Freitagabend-Fernsehprogramm freut oder panisch das Weite sucht, hängt mit dem individuell ausgeprägten Niveau der Erregung zusammen: Menschen mit höherem Erregungsniveau brauchen keinen Extra-Thrill, Personen mit niedriger Ausformung freuen sich hingegen über diese Reize.