Rehbergs Analyse: Verträge und Verlängerungen

Thomas Tuchel. Foto: dpa

Reinhard Rehberg macht sich Gedanken über die berufliche Zukunft von Thomas Tuchel. Der will sich zwar nicht zu diesem Thema äußern, aber Raum für Spekulationen gibt es genug.

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. Thomas Tuchel mag sich aktuell über seine berufliche Zukunft nicht unterhalten. Zumindest nicht mit Journalisten. Er stehe ja noch bis Sommer 2015 unter Vertrag, sagt der Trainer des FSV Mainz 05. Was gebe es da also zu besprechen? Das kann man so sehen. Akzeptiert. Aber die Branchengewohnheiten sind die, dass ein Klub nicht gerne in eine neue Saison startet mit einem Cheftrainer, dessen Kontrakt 12 Monate später endet. Jobverlängerungen geschehen deshalb in der Regel etwa eineinhalb Jahre vor Vertragsende.

Was den 40-Jährigen gedanklich umtreibt, das wissen wir also nicht. Aber man kann sich in einen Übungsleiter hineinversetzen, der im kommenden Sommer fünf Bundesligaspielzeiten am Bruchweg erlebt hat. Tuchel ist eine Nummer geworden in Deutschland. Weil er Erfolg hat in Mainz, weil er auf taktischem Gebiet Maßstäbe gesetzt hat. Die Zahlen sind bei einem Arbeitgeber wie Mainz 05 beeindruckend. 158 Bundesligaspiele: 59 Siege, 56 Niederlagen, 43 Remis. 220 von 474 möglichen Punkten, das ergibt eine Erfolgsquote von 46 Prozent. Außergewöhnlich gut. Das weist Leistungskonstanz nach. Statistiker haben errechnet, dass der wirtschaftlich klein bis mittelprächtig aufgestellte FSV Mainz 05 in einer "Tuchel-Ära-Tabelle" auf Rang fünf in der Bundesliga steht. Dieser Trainer hat in seiner Mainzer Zeit nicht ein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz gestanden.

Gegen jeden Bundesligisten mindestens ein Spiel gewonnen

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Tuchel hat in seiner 05-Zeit tatsächlich gegen jeden Bundesligisten mindestens ein Spiel gewonnen, gegen den großen FC Bayern München waren es sogar drei. Es gibt kaum einen Trainerkollegen, der nicht mal gestöhnt hat, wie unangenehm es ist, gegen eine Tuchel-Elf zu spielen. Triple-Gewinner Jupp Heynckes hat Tuchel mal geadelt, der junge Mainzer Coach sei dazu befähigt, irgendwann mal den FC Bayern zu trainieren. Tuchel hat Spieler geformt, die dem Klub Transfereinnahmen beschert haben, die man nie für möglich gehalten hätte. Die Klubpolitik, preiswert einzukaufen und teuer zu verkaufen, funktioniert nur mit einem Trainer, der Spieler besser macht.

2013/14 stehen die 05er nach 22 Spieltagen bei zehn Saisonsiegen. Das ist ein Sieg mehr als in der kompletten Spielzeit 2011/12. Und zehn Siege hatte der Klub in der kompletten Spielzeit 2012/13. Natürlich wird dieser Tuchel heiß gehandelt auf dem Trainermarkt. Der Mann aus dem bayrischen Krumbach, der keine große Spielerkarriere hatte (acht Zweitligaeinsätze), ist kein Trainersternchen mehr, kein gehypter Emporkömmling, der als sexy gilt, weil er jung ist, weil er rhetorisch begabt ist, weil er ein Erfolgstyp ist, weil er mal Deutscher A-Jugend-Meister war, weil er gerade mal ein paar Spiele gewonnen hat. Tuchel ist als exzellenter Fachmann, als konsequente Führungsfigur und als Taktikexperte anerkannt. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man ihn zu den Top-Five-Trainern zählt in der Bundesliga. Ein britischer TV-Kommentator hat während der Live-Übertragung der Partie Schalke 04 gegen Mainz 05 auf Eurosport 2 erzählt, Thomas Tuchel sei gerade einer der interessanten jungen Taktiklehrer in Europa.

Der Arsene Wenger von Mainz 05?

Tuchel auf dem Weg zum "Arsene Wenger von Mainz 05"? Nein, dazu wird es nicht kommen. Ähnlich wie bei Jürgen Klopp. Am Bruchweg ist nicht mehr möglich, als alle zwei Jahre eine mehr oder weniger neue Mannschaft aufzubauen. Die Mainzer Topspieler werden immer wieder den Verein verlassen. Weil andere Klub wesentlich mehr Gehalt zahlen können. Tainerbegabungen dieser Güte wollen aber nicht immer nur säen, sondern irgendwann auch ernten. Tuchel wird irgendwann um Titel spielen. Der Zeitpunkt wird kommen. Und Tuchel wird sein Können international unter Beweis stellen wollen. Auch im ungewohnten Sonntagsanzug. Und mit Krawatte am Hals. Champions League. Natürlich ist das der große Reiz - mit diesem Wissen, mit diesem Können, mit diesem Ehrgeiz, mit dieser Neugier.

Leute fragen, ob Tuchel mit seinem zuweilen gewöhnungsbedürftigen Verhalten gegenüber Medienvertretern kompatibel ist mit großen Klubs. Auch bei Jürgen Klopp wurde gefragt, ob er mit seiner saloppen Rhetorik und zuweilen grenzwertigen Emotionalität außerhalb von Mainz funktionieren kann. Der Hamburger SV beschied das einst negativ. Aber Klopp funktioniert. Sehr gut sogar. Auch Tuchel wird funktionieren. Überall. Warum? Das sind die Trainer, die Mannschaften bauen und Spiele gewinnen. Trainer, die aus den Gegebenheiten vor Ort nahezu das Maximum herausholen.

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Wann werden wo die passenden Trainerstühle frei?

Die Frage wird sein, wann am richtigen Ort und zur passenden Zeit einer der interessanten Trainerstühle frei wird. Hamburg, Bremen, Stuttgart, Frankfurt. Große Namen, Klubs mit schillernder Vergangenheit. Diese Mannschaften sind aber aktuell nicht besser als die des FSV Mainz 05. Und Champions League? Heute nicht. Und morgen auch nicht sofort. Wolfsburg und Leverkusen? Da ist viel Geld, aber da mag Tuchel die große Atmosphäre vermissen. Was bleibt? Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04. Und vielleicht noch Borussia Mönchengladbach, Tuchels alte Jugendliebe. Pep Guradiola hinterlässt nicht den Eindruck, als könnte er in München demnächst scheitern. Klopp hat in Dortmund verlängert. Gladbach will mit Lucien Favre verlängern. Bliebe Schalke 04. Aber hält Jens Keller dort bis 2015 durch? Oder graben die Schalker einen Tuchel jetzt schon an, weil man dem Überlebenskünstler Keller die ganz große Karriere doch nicht zutraut?

Schlechte Karten hat der FSV Mainz 05 in diesem Moment nicht (auch wegen der Handlungsfreiheit für den Trainer im Klub, auch wegen der kurzen Entscheidungswege zwischen Tuchel und Manager Christian Heidel). Und die Karten werden noch besser, wenn Keller und Favre demnächst in Schalke und Gladbach mit neuen Verträgen ausgestattet sein sollten. Ausland? Ausschließen sollte man grundsätzlich nie etwas.

Ende der Betrachtung. Wir wissen es nicht. Und Thomas Tuchel wahrscheinlich auch (noch) nicht.