Rehberg: Nübel Rettungsaktion war rücksichtslos

Mit einem Kung-Fut-Tritt streckt der Schalker Alexander Nübel den Frankfurter Gacinovic nieder. Foto: dpa

Schalke-Keeper Alexander Nübel wird aus seinem Fehler lernen, meint unser Kolumnist Reinhard Rehberg. Bezeichnend für die aktuelle Lage: Eintracht Frankfurt kann die Überzahl...

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. Bei diesem Foul stockt selbst dem beinharten Fußballgucker der Atem. Wenn es ganz dumm gelaufen wäre, dann hätte Alexander Nübel seinem Frankfurter Gegenspieler mindestens ein paar Rippen gebrochen. Mit starken Prellungen im Brustbereich ist der leichtgewichtige Mijat Gacinovic gut weggekommen. Glück gehabt. Der Schalker Torhüter wird eine knackige Sperre aufgebrummt bekommen. Da hat das DFB-Sportgericht keinen Spielraum. Nübels Rettungsaktion war rücksichtslos.

Der 23-Jährige hat diese Szene extrem falsch eingeschätzt. Sein Mitspieler Daniel Caligiuri sprach später von einer unglücklich verlaufenen 50:50-Situation. Das war es nicht. Der Keeper hatte nach dem langen Sprint aus seinem Strafraum heraus keine realistische Chance, den Ball zu treffen. Torhüter sind dann oft gnadenlos. Voll gepumpt mit Adrenalin gibt es in diesen und ähnlichen Momenten nur noch einen Instinkt: Das Tor ist sperrangelweit offen – wenn ich den Ball nicht erwische, dann muss der potenzielle Torschütze fallen. Das ist ein Glaubenssatz aus dem sehr speziellen Handbuch für aggressive Torwächter.

Torhüter stehen auch in der Verantwortung

Wir haben noch genügend Szenen im Kopf von Oliver Kahn, der solche Aktionen aus dem asiatischen Kampfsport reihenweise vorgeführt hat. Es gibt Stürmer, die hatten Angst vor dem langjährigen Bayern-Keeper. Der hatte die Auffassung: Wenn ich mich nicht schone, dann muss ich auch meinen Gegenspieler nicht schonen. Eine Sichtweise, die man nicht teilen muss. Stollen mit gestrecktem Bein auf Brustbein-, Hals- oder Kopfhöhe, das ist und bleibt gesundheitsgefährdend.

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Man sollte jetzt auch nicht mit der Standardfloskel „Wer selbst mal Fußball gespielt hat, der weiß, dass so etwas passieren kann…“ argumentieren. Macht keinen Sinn. Auch Torhüter haben die Verantwortung, rücksichtslose Entscheidungen, mit denen eine schwerwiegende Verletzung in Kauf genommen wird, zu vermeiden.

Neuer ist das nie wieder passiert

Alexander Nübel ist ein junger Kerl, er ist bislang nicht als Brutalo-Keeper auffällig geworden, er wird daraus lernen. Der talentierteste unter den jüngeren deutschen Torhütern ist ein kluger Kopf. Auch deshalb ist er Mannschafts-Kapitän. Mindestens ein Mal pro Monat muss sich der gebürtige Paderborner der Frage von Journalisten stellen, ob und wann er zum FC Bayern wechseln wird. Dort könnte er der Nachfolger von Manuel Neuer werden. Nübel geht mit dieser Situation sehr entspannt um. Nervenstress muss man ihm nicht unterstellen. Der junge Mann muss und wird noch Erfahrung sammeln.

Nicht zu vergessen: Der große Manuel Neuer hatte eine ähnlich rustikale Aktion im WM-Finale 2014 gegen Argentinien, als die deutsche Mannschaft sehr viel Glück hatte, dass ihr Torhüter nach seinem wilden Sprung mit angezogenen Knieen in den Rücken von Torjäger Gonzalo Higuain nicht einen Foulelfmeter gepfiffen bekam. Neuer ist das danach nie wieder passiert.

Kurios, aber so ist das im Fußball: Die Schalker fühlen sich noch stärker nach dem 1:0-Sieg gegen die Eintracht. Torhüter mit Rot vom Platz, eine halbe Stunde Unterzahl, trotzdem gewonnen – das schweißt zusammen, das produziert Überzeugung. Ob Nübel mit seiner besonderen sportlichen Qualität und Führungspersönlichkeit in der Zeit seiner Sperre fehlen wird, das wissen wir heute noch nicht. Der noch jüngere Vertreter Markus Schubert hat an diesem Tag das zu null verteidigt. Mag aber sein, dass Nübels Foul nebst Bestrafung von den Schalkern schon bald noch mal ganz anders eingestuft wird.