Rehberg: Geht da mehr bei Mainz 05?

05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Die 05er stehen in ihrer Drei-Wettbewerbe-Spielzeit mit neun Zählern Abstand zum Relegationsrang gut da nach dem 20. Spieltag. Wenn es mal etwas enger wird nach unten, dann...

Anzeige

. Freitagabend. Die Pressekonferenz nach dem 2:0-Sieg der 05er in der Opel Arena gegen den FC Augsburg war vorbei. Auch das Gespräch mit dem Trainer in kleinerer Runde. Aufbruch. Dann blieb Martin Schmidt noch mal vor der mannshohen Tabelle im Medienraum stehen. Der Mainzer Chefcoach reckte den Kopf und deutete ganz nach oben. „Wen sollen wir denn da angreifen?“, fragte der Schweizer. Was unausgesprochen wohl heißen sollte: Unsere Gegner auf Augenhöhe haben wir im Griff, aber nun verlangt nicht auch noch, dass wir die Mannschaften auf den Europapokalplätzen attackieren…

Ein Kollege hat dann frech auf Rang drei gedeutet. „Die Eintracht sollte immer von Mainz 05 angegriffen werden!“ War nicht ganz ernst gemeint. Der lokale Konkurrent ist enteilt. Zehn Punkte Vorsprung sind viel. Aber einen besseren Kader als die Mainzer haben die Frankfurter sicher nicht. Schmidt verwies umgehend darauf, dass die Eintracht eben eine lange Phase mit dem nötigen Glück in vielen engen Spielen hinter sich habe… Die Fußballschreiber haben gekontert: Das müsse ja nicht so bleiben…, und die Hertha oder der 1. FC Köln könnten ja auch noch in unwegsames Gelände geraten… Worauf Schmidt entgegnete, Leverkusen, Gladbach und Schalke hätten aber auch noch Ambitionen…

Kreislauf der ewigen Wiederkehr

Klar, das war viel Sprücheklopperei. Und es wurde gelacht. Und einer murmelte noch, so überragend interessant sei das Europapokalgeschäft für die Leute in Mainz ja offenbar eh nicht. Aber um dieses konkrete Ziel geht es gar nicht. Es geht um den Weg. Um Spannung. Um Aufregung. Um Leidenschaft, um Leistung. Ein wenig überspitzt formuliert: Heimsiege gegen die Konkurrenz auf Augenhöhe sind gut und anerkennenswert – aber deshalb muss man ja nicht auswärts und/oder gegen die höherrangigen Klubs alles verlieren.

Anzeige

Natürlich gibt es Spielzeiten, in denen sich gewisse Muster einnisten. Dann ist es manchmal schwer, auszubrechen. Ein Trainer macht und tut, seine Mannschaft nimmt sich regelmäßig viel vor und zeigt Bereitschaft, aber man bleibt dennoch hängen im Kreislauf der ewigen Wiederkehr. Das ist ein Phänomen, das nicht nur die 05er betrifft.

Trennt sich der BVB von Tuchel?

Ein paar Beispiele. Borussia Dortmund steckt in einer Phase, die qualitativ und von den Ergebnissen her nicht von Konstanz geprägt ist. Thomas Tuchel sagt, er habe keine Idee, woran das liegt. „Vielleicht müssen wir einfach mal akzeptieren, dass das halt so ist in dieser Saison“, erklärte der BVB-Coach nach dem blamablen 1:2 beim Schlusslicht Darmstadt 98. Dann fügte der frustrierte Kopfmensch noch an, diese Sichtweise müsse doch endlich auch mal durchgesickert sein bis zur Führungsebene. Und man konnte eine Ahnung davon bekommen, wie es um das Binnenverhältnis zwischen dem eigenwilligen sportlichen Vordenker und seinem Chefduo Hans-Joachim Watzke/Michael Zorc bestellt ist. Da ist nicht mehr auszuschließen, dass es im Sommer zur Trennung kommt. Und wir wollen gar nicht von den schwierigen Situationen in Leverkusen, Mönchengladbach, Schalke oder Wolfsburg sprechen.

Schauen wir in die Premier League. Der FC Liverpool hatte einen glänzenden Saisonstart. Plötzlich ging nicht mehr viel. Aus in den Cup-Wettbewerben. Und im Januar hat Jürgen Klopp auch keines der sechs Ligaspiele gewonnen. Am Wochenende überfuhren die „Reds“ den Tabellenzweiten Tottenham Hotspur ungefährdet mit 2:0. „Endlich sind wir ins Neue Jahr gestartet“, erklärte Klopp. Das war am 12. Februar. Der Englische Meister Leicester City, der lediglich einen Stammspieler verloren hat nach dem Sensationstriumph, ist nach nur fünf Siegen und mittlerweile 14 Niederlagen nur noch einen Punkt entfernt vom ersten Abstiegsrang. Niemand hat erwartet, dass die Mannschaft der Ex-05er Christian Fuchs und Shinji Okazaki erneut im oberen Tabellendrittel mitmischt. Aber Abstiegskampf? Da spendet der souveräne Einzug ins Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Sevilla nur bedingt Trost.

Geht da mehr?

Anzeige

Von daher kann man konstatieren: Die 05er stehen in ihrer Drei-Wettbewerbe-Spielzeit mit neun Zählern Abstand zum Relegationsrang gut da nach dem 20. Spieltag. Wenn es mal etwas enger wird nach unten, das zieht sich durch die Zeit mit Martin Schmidt, dann gewinnt sein Team die Schwellenspiele. Woran es hapert, das ist Verlässlichkeit auf einem höherwertigeren taktischen und spielerischen Niveau. Aktuell lautet der Konsens: Ordentliche Heimspiele mit vielen Laufkilometern, Kampf, tiefer Verteidigung und Kontertoren.

Stellt sich die Frage: Geht da mehr – oder wäre diese Mannschaft in dieser Zusammensetzung überfordert mit maßvoll angesetzten höheren spielerischen Ansprüchen? Im kommenden Heimspiel gegen die Abstiegskämpfer aus Bremen ist es sicher ratsam, erneut im Schaffanzug aufzulaufen. Dann geht es nach Leverkusen. Wie kann diese Mainzer Mannschaft ihre Auswärtsmisere beheben? Dass die 05er tief verteidigen und gerne und gut kontern, das weiß der Kollege Roger Schmidt. Kann Martin Schmidt seiner Elf neue Impulse verleihen, die dafür sorgen, dass die Leverkusener, sollten sie in Führung gehen, nicht automatisch schon im Ziel sind?

Kader sollte mehr Substanz haben

Vielleicht müsste der 05-Coach seiner Mannschaft mehr Zutrauen vermitteln in die Nachvorneverteidigung, in das aggressive Mittelfeldpressing und in das schnelle Kurzpassspiel. Balleroberungen im Mittelfeld sorgen für kürzere Wege in der offensiven Umschaltung. Und lange Bälle sind manchmal notwendig, aber mit Danny Latza, Jean-Philippe Gbamin, Jairo, Levin Öztunali, Jhon Cordoba und Bojan Krkic müsste sich in Situationen, in denen ein defensiv gut organisierter Gegner keine Konter zulässt, auch ein wirkungsvolles Kombinationsspiel aufziehen lassen. Vielleicht braucht es da nur ein wenig mehr Überzeugung, mehr Vertrauen in die eigenen technischen Fähigkeiten.

Martin Schmidt würde wahrscheinlich antworten: Eine Mannschaft, die wenige Dinge sehr gut kann, ist auf Dauer erfolgreicher, als eine Mannschaft, die sich an vielen Sachen versucht - und darüber ihre Topstärken relativiert. Unter dem extrem anspruchsvollen Tuchel gab es diese weniger erfolgreichen Experimentierphasen. Aber der heutige Kader sollte mehr Substanz haben. Wie lautete der Slogan des neuen Bundespräsidenten: „Lasst uns mutig sein!“