Rehberg: Die hausgemachte Krise von Hannover 96

Hannover 96-Präsident Martin Kind. Foto: Peter Steffen/dpa

Es kristallisiert sich immer mehr heraus, welche Vereine besonders hart um den Klassenerhalt kämpfen müssen. Unerwartet taucht in dieser Liste auch Hannover 96 auf....

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. Wer muss in dieser Spielzeit um den Klassenverbleib zittern? Vor der Saison habe ich mich schwer getan mit einer Prognose. Klar, der 1. FC Nürnberg und Fortuna Düsseldorf hinken wirtschaftlich betrachtet weit hinterher im neuen Umfeld Bundesliga. Aber man weiß, welche Kräfte hoch emotionalisierte Aufsteiger zuweilen mobilisieren können. Einen Klub jedenfalls hatte ich in der untersten Etage des Tabellenkellers nicht erwartet: Hannover 96.

Ordentliche 39 Punkte in der Vorsaison als Wiederaufsteiger. Das deutete darauf hin, dass diese Mannschaft entwicklungsfähig ist. Die Abgänge im Sommer wirkten verschmerz- und ersetzbar. Salif Sané (zu Schalke 04) war in Hannover ein flexibel einsetzbarer zentraler Defensivspieler, aber der Hüne streute auch viele Leichtsinnsfehler ein in sein Spiel. Martin Harnik (zu Werder Bremen) hatte gute Phasen mit einigen Toren, aber auch sehr schwache Phasen mit gar keinen. Manager Horst Heldt hat dann mit Kevin Wimmer (von Stoke City) einen sehr erfahrenen Innenverteidiger geholt, mit Wallace (vom HSV) einen physisch und im Willen starken Mittelfeldsechser und mit Bobby Wood (vom HSV) einen schnellen und zielstrebigen Zentrumsstürmer sowie mit Genki Haraguchi (von Hertha BSC) einen fußballerisch guten Außenstürmer.

Ergebnis: Hannover 96 hat von den ersten 13 Saisonspielen nur zwei gewonnen – und schon acht verloren. Neun Punkte, Tabellenvorletzter. Und André Breitenreiter, der gefeierte Aufstiegstrainer und letztjährige Erfolgsgarant, steht massiv in der Kritik. Sollte er am kommenden Sonntag auch in Mainz verlieren, das schimmert in den schwammigen Aussagen des Managers durch, dann dürfte ein Trainerwechsel auf der Agenda stehen. Neun Übungsleiter hat der Klub in den vergangenen zehn Jahren verschlissen. Geduld und Kontinuität war noch nie die Sache des eigenwilligen Klubpatrons Martin Kind.

Verantwortlich gemacht wird im Krisenmoment nur der Trainer

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Dazu kommt die innere Spaltung. Fangruppen sowie Oppositionsleute auf der administrativen Ebene kämpfen seit Monaten gegen die Übernahmestrategie des Hörgeräte-Unternehmers Kind und seiner drei schwerreichen Unternehmer-Freunde. Die Millionäre wollen investieren. Im Gegenzug dafür wollen sie als Mehrheitseigner an der GmbH Co. KGaA die alleinige Entscheidungsgewalt. Die Kontroverse wird ausgetragen auf sämtlichen Ebenen: Stimmungsboykott im Stadion, Zerwürfnisse in Gremien, juristische Auseinandersetzungen, diverse gescheiterte Vermittlungsversuche, verbale Anfeindungen, Giftpfeile von Kind gegen die DFL-Regel 50+1.

Bei Außenstehenden entsteht der Eindruck: Diese Fehde macht den Klub kaputt – und der Sport leidet darunter. Wenn man dann noch bedenkt, dass Horst Heldt in der Vorsaison über Wochen intern und öffentlich und vergeblich mit Wechselwünschen kokettiert hat, dann wird klar: Das 96-Gefüge hat kein stabiles Fundament, da kracht es in den Balken und von den Wänden und Decken rieselt der Kalk. Für die 96-Spieler ist das zum einen eine mentale/emotionale Belastung, zum anderen natürlich auch im Misserfolg ein Alibi.

Ein Fußball-Unternehmen, das überhaupt nicht mehr als Einheit auftritt, das keine gemeinsame Sprache mehr hat und keine gemeinsamen Werte mehr vertritt, das findet offensichtlich nicht mehr die Kraft, sich auf das zu konzentrieren, worauf es im Fußball im Kern zu allen Zeiten ankommt: Qualität entwickeln, Spiele gewinnen. Der Klub, Deutscher Meister von 1938 und 1954 sowie als Zweitligist DFB-Pokalsieger von 1992, war danach auch schon mal Drittligist. Jetzt heißt das Problem: Mit Kind geht es nicht mehr – und ohne die Kind-Kohle wird es wirtschaftlich noch schwieriger. Verantwortlich gemacht wird in diesem Krisenmoment aber, das ist absehbar, wieder einmal nur der Trainer.