Hochbegabt – wie können sehr intelligente Kinder...

1,65 Millionen Menschen in Deutschland gelten als hochbegabt. Davon mehr als 200 000 Kinder unter 15 Jahre. Diagnostiziert wird eine Hochbegabung aber wesentlich seltener....

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DARMSTADT. 1,65 Millionen Menschen in Deutschland gelten als hochbegabt. Davon mehr als 200 000 Kinder unter 15 Jahre. Diagnostiziert wird eine Hochbegabung aber wesentlich seltener. Weshalb nicht jedes Kind, bei dem eine Hochbegabung vermutet wird, getestet werden sollte, erklärt die Schulpsychologin am Staatlichen Schulamt, Marie Kremer.

Frau Kremer, wie merke ich, ob mein Kind hochbegabt ist?

In Erster Linie deuten eine schnelle Auffassungsgabe, ein hohes Interesse an unterschiedlichen Themenbereichen, eine hohe Leistungsmotivation und eine sozial-emotionale Reife im Vergleich zu Gleichaltrigen auf eine Hochbegabung hin.

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Was meinen Sie mit sozial-emotionaler Reife?

Die Kinder sind empathisch, sozial kompetent und von den eigenen Fähigkeiten überzeugt. Sie arbeiten früh selbstständig, sind verantwortungsbewusst, können sich präsentieren, fragen nach und sind neugierig.

Wann sollten Eltern mit ihrem Kind einen IQ-Test machen?

Im Normalfall ist das Kind leistungsmotiviert und schreibt gute Noten. Dem Kind geht es gut, hat Freude am Leben und am Lernen. Dann braucht man auch keinen IQ-Test. Wenn aber beispielsweise der Lehrer oder die Eltern den Eindruck haben, das Kind könnte viel mehr oder ist verhaltensauffällig, spielt den Klassenclown, und man fragt sich, woran das liegen könnte – dann kann ein IQ-Test Aufschluss darüber geben, ob das Kind unter- oder überfordert ist.

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Wenn es keine schlimmen Probleme gibt, dann sollte ich das Kind also nicht testen lassen?

Nein, ich frage immer die Eltern oder auch Lehrkräfte, was für einen Unterschied würde es machen, wenn sie den IQ-Wert wüssten? Meistens macht es keinen Unterschied. Klar gibt es auf der einen Seite Sicherheit, auf der anderen Seite kann es aber auch sehr beunruhigend sein.

Inwiefern beunruhigend?

Es gibt Kinder, die, nachdem sie von der Hochbegabung erfahren, sagen: „Ich bin hochbegabt, ich muss die Aufgabe nicht machen.“ Die ruhen sich auf ihrem IQ-Testwert aus und zeigen wenig Bereitschaft, sich anzustrengen. Andere Kinder haben einen hohen IQ und merken aber, dass sie das nicht so einsetzen können. Einige hochbegabte Kinder können die vielen Informationen, Wahrnehmungen und Sinneseindrücke, die gleichzeitig auf sie einströmen, einfach nicht so kanalisieren. Das wirkt dann nach außen so, als wären sie langsam. Wenn es dann heißt: Du hast so einen hohen Intelligenzquotienten, warum schaffst du nicht mehr? Dann fühlen sie sich unter Druck gesetzt.

Kann ein hochbegabtes Kind an einer Regelschule angemessen gefördert werden?

Ja, selbstverständlich. Die Erfahrung, wie ein Kind lernt, hängt aus meiner Sicht unter anderem von der Lehrerpersönlichkeit ab. Lernen geht nur über Beziehungen. Das trifft aber auf jedes Kind zu, nicht nur auf hochbegabte.

Wie gut klappt das denn Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, in den meisten Fällen läuft es gut. In manchen Fällen aber auch nicht. Das ist nicht nur von der Lehrkraft abhängig. Das hängt auch viel vom familiären Hintergrund und von der emotionalen Stabilität des Kindes ab.

Wie können Eltern ein hochbegabtes Kind zu Hause fördern?

Erst mal hoffe ich, dass alle Eltern ihre Kinder fördern. Dann rate ich den Eltern, sich mit dem Kind zusammenzusetzen und zu fragen, worauf hast du Lust, was macht dir Spaß, was interessiert dich? Eltern von hochleistenden Kindern machen ihnen normalerweise schon viele Angebote. Sei es Klavier lernen oder Fußball spielen.

Die Hauptaufgabe für die Eltern ist es also, den Kindern Angebote zu machen, die sie nutzen können, aber nicht müssen.

Ja, genau. Also wie bei allen anderen Kindern auch. Meine Erfahrung zeigt aber vor allem: Wenn Eltern präsenter werden, dann hat das einen enorm positiven Einfluss auf die Kinder in der Schule. Allein ein gemeinsames Abendessen als Ritual kann schon eine große Auswirkung haben. Es gibt aber auch außerschulische Förderprogramme für hochbegabte Kinder. Da treffen sie auf ihresgleichen.

Der Austausch mit anderen hochbegabten Kindern ist also schon wichtig?

Ja, einfach um zu merken: Ich bin anders, aber es gibt auch einige, die sind so wie ich und ich bin okay, so wie ich bin.

Das Interview führte Marina Speer.