Gießener Corona-Patientin hat sich in NRW angesteckt

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Corona; Virus; Blut; Bluttest; Frau;

Die 24-jährige Frau aus Gießen, bei der das Coronavirus nachgewiesen worden ist, hat sich offenbar beim Karneval in Nordrhein-Westfalen angesteckt.

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GIESSEN. Eine 24-Jährige aus Gießen ist der erste bestätigte Erkrankungsfall durch das Coronavirus im Landkreis Gießen. Die Frau stammt aus Nordrhein-Westfalen und hat die Karnevalszeit im dort besonders betroffenen Landkreis Heinsberg verbracht, wo sie Veranstaltungen besuchte. Derzeit zeigt sie nur milde Krankheitssymptome und ist in ihrer Wohnung in Quarantäne. Letzteres gilt auch für ihren Mitbewohner, der allerdings noch keine Anzeichen einer Erkrankung zeigt.

Der Fall der 24-Jährigen war am späten Freitagabend bestätigt worden. Bei einer Pressekonferenz am Samstagmittag in der Kreisverwaltung berichteten Landrätin Anita Schneider (SPD), der hauptamtliche Kreisbeigeordnete Hans-Peter Stock (Freie Wähler) und Dr. Jörg Bremer vom Gesundheitsamt über Details.

Kontakt zu zwölf Personen in den vergangenen 14 Tagen

Demnach gab es in den vergangenen 14 Tagen zwölf Personen, mit denen die erkrankte Frau im engeren Kontakt war. Außer dem Mitbewohner lebt niemand im Landkreis Gießen. Vier Kontaktpersonen wohnen im Landkreis Offenbach, eine im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Weitere vier Kontaktpersonen gibt es in Nordrhein-Westfalen und zwei im Saarland. Ihnen haben die Fachleute des Gesundheitsamtes telefonisch geraten, sich ebenfalls zu Hause in Quarantäne zu begeben. „Die Unterbrechung der Infektionskette kann gelingen“, zeigte sich Schneider optimistisch.

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Die erkrankte Frau wohnt noch nicht lange in Gießen. Sie ist Studentin, arbeitet derzeit an ihrer Bachelor-Arbeit und war in jüngster Zeit nicht an der Justus-Liebig-Universität. Ohnehin sind aktuell Semesterferien. Das Gesundheitsamt erkundigt sich täglich telefonisch über den Gesundheitszustand, der sich seitdem nicht verschlechtert hat.

Sollte auch der Mann Symptome entwickeln, wird er ebenfalls auf das Corona-Virus getestet. Seine Kontaktpersonen seien mit denen der Frau identisch, denn er war ebenfalls in Heinsberg, berichtete Bremer. Die Quarantäne wird 14 Tage dauern. Bei einem negativen Testergebnis kann sie früher beendet werden.

Nach Angaben von Landrätin Schneider hatte die 24-Jährige Symptome wie Husten und Fieber und wandte sich daraufhin am Freitag an das Gesundheitsamt. Die Analyse eines Abstrichs brachte dann am Abend Gewissheit. Freunde kümmern sich um die Versorgung der beiden mit Lebensmitteln.

Ein Fall im Landkreis Gießen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der einzige bleiben. Eine Schließung von Schulen, Kindergärten oder Seniorenheimen ist aktuell nicht geplant. Da sei eine „Einzelfallentscheidung“, erklärte Bremer. Großveranstaltungen würden gemäß den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts geprüft.

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Die Landrätin berichtete über Gespräche mit Vertretern der Messe Gießen GmbH, wie mit der aktuell laufenden Bau-Expo umgegangen werden soll. Da diese Messe aber in großen, gut belüfteten Hallen stattfinde, in denen man genügend Abstand zu anderen Besuchern halten könne, sei entschieden worden, diese fortzusetzen, berichtete Schneider. Zudem kämen due Aussteller nur aus der Region. „Wir sehen da kein großes Risiko, es gibt keine Gefahr von Körperkontakt.“ Andere Großveranstaltungen seien dem Landkreis aktuell nicht bekannt.

Wer Veranstaltungen ausrichte, solle dafür sorgen, dass in den Toiletten ausreichend Seife zum Händewaschen verfügbar ist, und zudem mit Hinweisschildern auf die Bedeutung von Handhygiene hinweisen, listete die Landrätin Vorsichtsmaßnahmen auf. Generell wird dazu geraten, Körperkontakt zu vermeiden.

Stock,der auch Gesundheitsdezernent des Landkreises ist, wies unter anderem auf den aktualisierten Pandemie-Plan und die Koordinierungsgruppe hin, die sich auf Corona-Fälle vorbereitet hat. Ihr gehören unter anderem Vertreter der Kliniken, der Kassenärztlichen Vereinigung, des Rettungsdienstes und des Fachdienstes Gefahrenabwehr an. Er dankte den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes, die sich zur Rufbereitschaft außerhalb der Arbeitszeit bereiterklärt hatten.

Jörg Bremer war seit 2007 beim Gesundheitsamtes und von 2014 bis 2017 dessen Leiter. Dann ging er in den Ruhestand. Der Landkreis hatte seitdem nicht viel Glück mit der Suche nach einem dauerhaften Nachfolger, sodass der Pensionär gebeten wurde, als Berater zu unterstützen.

Er ging auf die sich verändernden Erkenntnisse zur Corona-Erkrankung ein. Zunächst sei man davon ausgegangen, dass die unteren Atemwege betroffen seien, also Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien und die Lunge selbst. Doch überwiegend zeigten sich Symptome in den oberen Atemwegen, das sind Nase, Nasennebenhöhlen und Rachenraum. Husten, Schnupfen, Kratzen im Hals und leichtes Fieber träten bei 80 Prozent der Betroffenen auf. Ein großer Teil habe aber gar keine Symptome, was die Diagnose erschwere.

Was kann jeder einzelne tun? Bremer verwies auf die bekannten Regeln: Häufiges und gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife für 20 bis 30 Sekunden; Hände aus dem Gesicht fernhalten; Händeschütteln vermeiden; beim Husten und Niesen einen bis zwei Meter Abstand zu anderen halten, Taschentücher nur einmal benutzen oder in Armbeuge husten/niesen.

Der Fachmann wurde nach Desinfektionsmitteln gefragt, die derzeit in Apotheken ausverkauft sind. „Es ist nicht notwendig, zu diesen Mitteln zu greifen. Das richtige Händewaschen reicht völlig aus“, antwortete Bremer. Der ebenfalls derzeit stark nachgefragte Mundnasenschutz schütze den Träger nicht vor Infekten, die von außen kommen.

Eine weitere Frage betraf die Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge. Die Bewohner seien über die beschriebenen Hygieneregeln informiert worden und dies werde auch wiederholt, erklärte die Landrätin. Zur Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung könne sie nichts sagen, diese liege in der Zuständigkeit von Land und Regierungspräsidium.

„Wir müssen Zeit gewinnen“, beschrieb Bremer die aktuelle Strategie in Deutschland. Die große und schwierige Aufgabe sei, die Infektionsketten zu unterbrechen. Hoffnung sei, so die Zeit bis Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres zu überbrücken, wenn dann hoffentlich ein Impfstoff zur Verfügung stehe. Er rechne damit, dass sich die Ausbreitung der „normalen“ Grippe in den nächsten Wochen entspannt. „Ich bin optimistisch, dass nicht Grippe-Welle und Corona zusammenfallen.“

Von Volker Böhm