Genesenenstatus: Verkürzung sorgt für Kritik

aus Coronavirus-Pandemie

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Wer eine Corona-Infektion durchgemacht hat, erhält einen Genesenennachweis. Der Genesenen-Status gilt nun jedoch nur noch drei Monate statt wie bisher sechs Monate lang.  Symbolfoto: dpa

Künftig dürfen Robert-Koch- und Paul-Ehrlich-Institut Regelungen zu Impfstatus und Quarantäne treffen. Ärgerlich, wenn sich der Status unbemerkt ändert – wie am Wochenende.

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Berlin. Die Verkürzung des Genesenenstatus hat für heftige Kritik gesorgt. Am vergangenen Freitag hat der Bundesrat neue Corona-Regeln verabschiedet. Eine davon ist, dass nun jeder, der eine Corona-Infektion überstanden hat, nur noch drei Monate als genesen gilt. Bislang wurde der Genesenennachweis sechs Monate nach der Infektion anerkannt.

Die Änderung wurde vom Robert-Koch-Institut (RKI) mit wissenschaftlicher Evidenz begründet. Das RKI beruft sich hierbei auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission. Diese empfiehlt die Auffrischung drei Monate nach der Grundimmunisierung. Zudem deute vieles darauf hin, dass Ungeimpfte nach einer durchgemachten Infektion nur einen zeitlich stark begrenzten Schutz vor einer erneuten Infektion mit der Omikronvariante haben. Zur Begründung wird auf eine britische Studie und einen Bericht der britischen Gesundheitsbehörde Health Security Agency (UKHSA) verwiesen. Nach diesem ist seit November die Zahl der Reinfektionen – also derjenigen, die sich zum wiederholten Mal, und zwar mindestens 90 Tage nach der ersten Infektion mit Corona infiziert haben – in Großbritannien rapide gestiegen.

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In der Schweiz gilt Genesenenstatus zwölf Monate lang

Der Bonner Virologe Hendrick Streeck sagte hingegen gegenüber der „Welt“, dass es aus wissenschaftlicher Erkenntnis nicht erklärbar sei, dass der Genesenenstatus in Deutschland auf drei Monate verkürzt wird. Vor allem, da Genesene in den meisten Fällen eine viel breitere Immunantwort hätten. In der Schweiz sei der Genesenenstatus jüngst aus guten Gründen auf zwölf Monate verlängert worden, so Streeck.

Auch in Österreich gilt das Genesungszertifikat sechs Monate lang. Und die deutsche Gesellschaft für Virologie hatte in einer Stellungnahme noch im Dezember empfohlen, dass sich Personen mit durchgemachter Corona-Infektion in der Regel sechs Monate nach der Infektion impfen lassen sollten. Die Empfehlungen anderer Fachgesellschaften kommentieren wir generell nicht, so eine Sprecherin des RKI.

Millionen Menschen gelten plötzlich als ungeimpft

Kritisiert wird von verschiedenen Vertretern aus Wissenschaft und Politik auch, die Art und Weise, wie die Änderung der Regeln durchgeführt wurde – mit dem Ergebnis, dass Millionen Menschen plötzlich von einem auf den anderen Tag nicht mehr als genesen gelten.

In seiner Rede vor dem Bundesrat warnte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) davor, nachgeordneten Behörden wie dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und dem RKI politische Anweisungen zu erteilen: „Dann verlieren wir das Vertrauen, dass es auch zukünftig Politikberatung aus der Wissenschaft heraus gibt, und dass man uns abnimmt, welche staatlichen Maßnahmen wir zum Beispiel auf dem Verordnungsweg damit verbinden.“

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Lauterbach sagte dem Bundesrat jedoch zu, dass Veränderungen ohne politischen Einfluss ausschließlich auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse stattfinden sollen – ohne eine Beeinflussung durch den Minister. Zudem würden die Bundesrat-Mitglieder darüber informiert werden, sodass diese sich nicht regelmäßig „diese Verweisseiten“ anschauen müssten, um zu prüfen, ob sich etwas verändert hat. Der Minister sicherte zu, dass Einwände natürlich berücksichtigt würden.

„Die Lösung, die wir gefunden haben, ist eine gute, weil sie flexibel ist. Wir können schnell reagieren. Wir können immer den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand abbilden“, sagte Lauterbach. Die Verkürzung des Genesenenstatus auf 90 Tage erwähnte er nicht. Das konnte man erst am nächsten Tag auf der Seite des RKI lesen.

Unklar ist die Abbildung in der App

Dass die Verantwortung an zwei Bundesoberbehörden übertragen wurde, könnte laut „Welt“ auch juristisch problematisch sein, da alle Fragen, die für die Ausübung der Grundrechte wesentlich seien, vom Parlament getroffen werden müssten. Die Definition von „geimpft“ und „genesen“ hänge nun aber ausschließlich von einer Internetseite ab, die sich unbemerkt und blitzschnell ändern könne. Noch dazu ohne klar benannten Verantwortlichen.

Unklar ist noch, wie die Änderung in den Apps zur Anzeige der Impfnachweise technisch umgesetzt wird. Dort werden Genesenenzertifikate bislang mit dem Gültigkeitszeitraum sechs Monate angezeigt.