Seit 45 Jahren findet Kantor Martin Lutz in Wiesbaden eine...

Wo Wiesbaden liegt, wusste er 1972 nur so ungefähr. „Ich konnte es auf der Landkarte finden“, sagt Martin Lutz, der ursprünglich aus Karlsruhe kommt. Als der damals...

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SCHIERSTEIN. Wo Wiesbaden liegt, wusste er 1972 nur so ungefähr. „Ich konnte es auf der Landkarte finden“, sagt Martin Lutz, der ursprünglich aus Karlsruhe kommt. Als der damals 22-Jährige seine Stelle als Kantor der Schiersteiner Christophoruskirche antrat, ahnte er noch nicht, dass er sein gesamtes Berufsleben hier verbringen würde. Nun geht Lutz, der Propsteikantor für Süd-Nassau, nach 45 Jahren in den Ruhestand.

Während dieser Zeit hat er als Leiter der Schiersteiner Kantorei und des Bach-Ensembles die Wiesbadener Musikszene ebenso maßgeblich mitgestaltet wie als Gründer und künstlerischer Leiter der Wiesbadener Bachwochen sowie des Musikherbst sWiesbaden.

Vom musischen Elternhaus geprägt und schon als Kind von der Orgel fasziniert, stand für Martin Lutz sehr früh fest: „Ich will Kirchenmusiker werden.“ Während ehemalige Klassenkameraden mit Motorrädern nach Indien reisten, stürzte er sich mit voller Kraft ins Studium. „Solche Abenteuer haben mich nicht gereizt. Ich wollte Musik machen.“

Dass es ihn dann in die hessische Landeshauptstadt verschlagen hat, ist einer Stellenausschreibung am Schwarzen Brett der Heidelberger Universität zu verdanken. Dass er die Stelle annahm, lag an der Architektur der Christophoruskirche. „Dieser Barockbau ist einer der stärksten Kirchenbauten, die ich überhaupt kenne“, sagt er und klingt nach wie vor fasziniert. „Die Kirche hat eine Kraft und eine Ausstrahlung wie keine andere in der Umgebung.“ Dass er all die Jahrzehnte geblieben ist, hat auch mit Wiesbaden und den Wiesbadenern zu tun. Denn hier habe er stets eine interessierte und verständige Hörerschar gefunden, die seine Auffassung von Musik teilte und eine erkennbare Handschrift zu schätzen wusste. Und nicht zuletzt hatte er in Wiesbaden immer Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung, auch deshalb sei er gern geblieben.

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„Mehr als zufrieden“ blickt der 67-Jährige auf ein „spannendes, unglaublich reiches“ Berufsleben zurück. „Ich bin dankbar für das Geschenk, mit so vielen wunderbaren Menschen Musik gemacht haben zu dürfen.“ Die letzten Wochen ist er noch einmal mit Volldampf gefahren, ehe er zum Jahreswechsel das Steuer übergibt. Martin Lutz ist überzeugt, in Clemens Bosselmann einen geeigneten Nachfolger zu haben. „Man muss auch mal loslassen können“, sagt der Mann, der die Rente freiwillig zweieinhalb Jahre hinausgeschoben hat.

Ab jetzt also nur noch Lesen und Klavierspielen? „Das kann‘s nicht sein.“ Lutz stellt sich vor, mit seiner Frau Friederike Freunde in aller Welt zu besuchen, vielleicht ein paar Wochen in Rom zu verbringen und endlich einmal die Inszenierungen der jüngsten Tochter Christiane, die Opernregisseurin ist, anzusehen. Das sei bislang nämlich nicht möglich gewesen, bedauert der Vater dreier erwachsener Kinder, für den die Familie eine der großen Freuden des Lebens ist.

Langeweile wird‘s nicht geben

2018 ist er außerdem schon für eine Reihe von Gastvorträgen gebucht, unter anderem in Montreal. Und ein Teil seines Tagwerks läuft ja weiter, die Bachwochen mit dem Orgelwettbewerb ebenso wie der Musikherbst und seine Lehrtätigkeit an der Uni Mainz. Seine Erfahrungen an junge Musiker weiterzugeben, empfindet der Honorarprofessor als Pflicht, eine Verpflichtung allerdings, der er mit großer Leidenschaft nachkommt.

Nach Langeweile hört sich das nicht an, nach Ruhestand aber auch nicht so richtig. „Ich brauche wenig Schlaf“, hat Martin Lutz erkannt. „Dadurch passt viel rein in den Tag – auch noch ein gutes Glas Wein.“