In den Wiesbadener Stadtteilen fertigen Instrumentenbauer...

Christoph Götting in seiner Dotzheimer Werkstatt. Er hat als Restaurator wertvolle Erfahrungen gesammelt.  Foto:

Von Hendrik JungEs ist Richard Wagner gewesen, der einst den Anstoß für die Entwicklung des Heckelphons gegeben hat. Die Fertigstellung des Instruments, das den Klang...

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BIEBRICH. Von Hendrik Jung

Es ist Richard Wagner gewesen, der einst den Anstoß für die Entwicklung des Heckelphons gegeben hat. Die Fertigstellung des Instruments, das den Klang eines Alphorns mit einer Oboe verbinden sollte, hat weder der Komponist noch Johann Adam Heckel noch erlebt, der das Biebricher Unternehmen 1831 mit begründete. Das neue Instrument wird erst 1904 von Wilhelm Heckel auf den Markt gebracht und von Paul Hindemith, vor allem aber von Richard Strauss in deren Werken eingesetzt. „Es gibt aber auch in der Neuen Musik wieder Kompositionen für das Heckelphon“, erläutert Ralf Reiter.

Christoph Götting in seiner Dotzheimer Werkstatt. Er hat als Restaurator wertvolle Erfahrungen gesammelt.  Foto:
Blick in die Werkstatt der Biebricher Holzblasinstrumentenfirma Heckel.   Foto:
Rainer Thurau ist einer von wenigen Harfenbauern in Deutschland.  Foto:

In sechster Generation

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Gemeinsam mit seiner Schwester Angelika Lucchetta führt er in sechster Generation das Familienunternehmen, das sich mittlerweile auf sein Kerngeschäft zurückgezogen hat und neben dem Heckelphon ausschließlich Fagotte und Kontrafagotte produziert. Die Lieferzeit für die hochwertigen Instrumente, die in die ganze Welt verkauft werden, liegt aktuell bei zehn Jahren.

Von den derzeit 32 Mitarbeitenden sind jedoch nur knapp die Hälfte Instrumentenbauer. Die andere Hälfte der Belegschaft setzt sich etwa aus Berufen wie Büchsenmacher, Goldschmied oder Schreinerin zusammen. „Es ist ein Gewinn, fremde Gewerke zu beschäftigen, weil sie über befruchtendes Wissen verfügen“, erläutert Ralf Reiter. Der 46-Jährige ist in der Werkstatt vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung tätig. Die größte Herausforderung sei dabei das Holz als natürlicher und lebendiger Werkstoff. Verarbeitet wird Bergahorn-Holz, das zunächst zehn Jahre lagert und nach den ersten Arbeitsschritten noch vier mal für jeweils ein Jahr liegt, damit das Holz in Ruhe arbeiten kann.

Viel Zeit hat auch der mittlerweile in Dotzheim arbeitende Geigenbauer Christoph Götting investiert, und zwar in seine Lackforschung. „Seit 40 Jahren bin ich am Basteln und sehr zufrieden mit den Resultaten. Aber das Ultimative ist es noch nicht. Ich werde wohl mein ganzes Leben daran forschen“, erläutert der 69-Jährige. Insbesondere beim ersten Anstrich eines neu gebauten Instruments könne dessen Klang zerstört werden, weil es durch ausgehärteten Lack in seiner Resonanzfähigkeit beeinträchtigt wird. Die Rezepturen der Lacke, die vor dem Jahr 1790 verwendet worden sind, seien leider verloren gegangen. „200 Jahre Blütezeit im Geigenbau kann man nicht in einem Leben hinbekommen. Die Qualität von damals ist noch nicht erreicht“, bedauert Christoph Götting. Deshalb arbeitet er weiter an der Optimierung des Mischungsverhältnisses aus Harz und Öl sowie der zugesetzten Pigmente.

Da sich erst nach etwa fünf Jahren zeige, ob eine Geige das Potenzial hat, sich über Jahrzehnte weiter zu entwickeln, schenkten manche Musikerinnen und Musiker neu gebauten Instrumenten kein Vertrauen. Zu Christoph Göttings Glück hat er sich jedoch 21 Jahre lang als Restaurator intensiv mit Meisterwerken wie etwa der sogenannten Gibson Stradivari aus dem Jahr 1713 auseinandersetzen können. Diese Erfahrungen hat er sich nach seiner Tätigkeit in der Londoner Werkstatt von Charles Beare auch für die Herstellung seiner eigenen Instrumente zunutze gemacht.

Seit Beginn der Selbstständigkeit im Jahr 1990 hat er etwa 90 Geigen und Bratschen gefertigt. Obwohl sie in aller Welt gespielt werden, verfolgt er sie regelmäßig in ihrer Entwicklung. „Die Wartung ist bei neuen Instrumenten ganz wichtig, deshalb ist sie im Preis mit drin“, erläutert Christoph Götting. Das sieht sein auf dem Freudenberg ansässiger Kollege ganz ähnlich. „Es ist wichtig, seine Instrumente weiterhin zu sehen, weil man sie pflegen und entwickeln kann“, betont Thorsten Löscher. Er legt seinen Schwerpunkt darauf, beim Bau seiner Instrumente ein vielfältiges Klangspektrum anzulegen, das dann durch das Musizieren ausgeprägt werden kann. Auch ihm sind dazu der verwendete Lack und die Inspiration der alten Meister wichtig, die er ebenfalls durch Restaurierung studiert hat. „Ich habe über das Kopieren gelernt und auch mal nur einzelne Details nachgebaut“, erläutert Thorsten Löscher, der auch Bratschen und Celli fertigt. Vorbilder für seine Geigenmodelle sind vor allem Guarneri sowie Guadagnini. Letzterer habe ihm als Inspiration für eine ¾-Geige gedient, weil er talentiertem Nachwuchs ebenfalls ein hochwertiges Instrument anbieten wollte.

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Für den in Wiesbaden arbeitenden Harfenbauer Rainer Thurau ist der Beruf in höchstem Maße angewandte Kunst. „Ich habe den Klang im Kopf und versuche dann, den Rahmen zu bauen und nicht umgekehrt“, erläutert der 65-Jährige. Unter Umständen setze er sich zunächst zwei Jahre lang mit einem Instrument auseinander, spreche mit Fachleuten und höre Musik, bevor er mit dem Bau beginne. Zumal seine Bandbreite von den vor etwa 5000 Jahren in vielen Teilen der Welt entstandenen Bogenharfen bis zur modernen Konzertharfe reicht. Seine Passion stellen aber die Instrumente des Barock dar. „Will ein Musiker eine Harfe von 1750, dann hat die einen bestimmten Klang. Diesen Klang muss ich kennen, denn das Instrument muss sich einordnen in den historischen Zusammenhang“, verdeutlicht Rainer Thurau. Dazu gehört die jahrelange Auseinandersetzung mit der Musik und der historischen Aufführungspraxis genauso wie akustische Forschung sowie physikalische Kenntnisse.

Für historische Instrumente kommen für ihn ausschließlich heimische Hölzer wie Ahorn, Kirsche oder Nussbaum infrage. Ebenholz und Palisander werden heute durch geräucherte Kastanie und Knochen ersetzt. Doch ist es nicht der Dekor, der den Harfenbauer interessiert, sondern der Klang.

Intensiver Austausch

Damit ein Instrument individuell auf den Musiker oder die Musikerin abgestimmt werden kann, ist ein intensiver Austausch notwendig. Das sei zwar fordernd, aber auch gewünscht. „Wenn große Künstler sagen: Das ist es! Dann gelingt das nur, wenn man mehr macht, als Holz zu verarbeiten“, betont Rainer Thurau. Deshalb gebe es außer ihm in ganz Deutschland nur zwei weitere Harfenbauer, die ernsthaft historische Instrumente herstellten und auch nur zwei weitere Konzertharfenbauer.