Wiesbadens Ex-Generalmusikdirektor Siegfried Köhler im Alter...

Archivfoto: wita / Martin Fromme

Das Wort "Ära" wird inflationär schon für überschaubare Amtszeiten eingesetzt. Im Fall des ehemaligen Wiesbadener Generalmusikdirektors Siegfried Köhler ist es die richtige...

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WIESBADEN. Das Wort "Ära" wird inflationär schon für überschaubare Amtszeiten eingesetzt. Im Fall des ehemaligen Wiesbadener Generalmusikdirektors Siegfried Köhler ist es die richtige Wortwahl. Von 1973 bis 1988 hat er am Staatstheater das Musiktheater geprägt, sich für Uraufführungen etwa des Komponisten Volker David Kirchner eingesetzt oder Vergessenes aus dem 20. Jahrhundert auf die Bühne gebracht. Nun ist der Dirigent, dessen herzliche, humorvolle Art beim Publikum so beliebt war wie bei seinen Musikern, im Alter von 94 Jahren in Wiesbaden gestorben. Ein knappes Jahr hat er seine Frau überlebt. Die Sopranistin Rosemarie Lenz wurde 95 Jahre alt.

Anfänge als Harfinist am Stadttheater Heilbronn

Siegfried Köhler wurde 1923 in Freiburg im Breisgau geboren und war noch während der Kriegszeit als Harfenist am Stadttheater Heilbronn tätig. 1952 wurde er in Freiburg 1. Kapellmeister, wechselte dann nach Düsseldorf und Köln und wurde, seiner letzten Station vor Wiesbaden, 1964 Generalmusikdirektor in Saarbrücken. In seiner wunderbaren Autobiografie, die er gemeinsam mit Jutta Schubert unter dem Titel "Alles Capriolen" verfasst hat, finden sich unzählige Anekdoten aus dem Theater-Alltag der Kriegs- und Nachkriegszeit. Wie jene aus einer Freiburger "Rheingold"-Wiederaufnahme, in der die Partie des erkrankten Fafner-Sängers halt vom Riesen-Bruder Fasolt mitgesungen wurde. In diesen prägenden Jahren hat Köhler sich auch die Flexibilität erarbeitet, für die er zeitlebens gerühmt wurde und die ihn zum beliebten Einspringer und Vorstellungs-Retter gemacht hat.

Aber nicht nur das. Der Dirigent mit besonderem Händchen für Richard Strauss und Richard Wagner war zwar nicht für akribische Probenarbeit berühmt. Aber Abende unter seinem Dirigat konnten außerordentlich inspiriert und inspirierend geraten. Nach seinem Ausscheiden als Wiesbadener Generalmusikdirektor krönte er seine Laufbahn mit einer erstaunlichen Alterskarriere von 1992 bis 2005 als "Königlicher Hofkapellmeister" an der Stockholmer Oper.

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Von Publikum und Musikern geliebt

Die schwedischen Dienste, die auf bemerkenswerten Einspielungen dokumentiert sind, hielten ihn aber nicht davon ab, die Geschehnisse an "seinem" Staatstheater zu verfolgen. Bis ins hohe Alter ließ er sich mit seiner Frau Rosemarie kaum eine wichtige Premiere entgehen, reiste zu den Generalproben der Bayreuther Festspiele oder an andere Opernhäuser.

Der Dialog mit dem klugen und warmherzigen Musiker wird nun vielen Musik- und Theaterfreunden fehlen. Siegfried Köhler hinterlässt aber nicht nur Erinnerungen, sondern auch Kompositionen. Gemeinsam mit seinem Sohn Klaus-Dieter als Textdichter hat er zum Beispiel die preisgekrönte Kinderoper "Kater Murr" verfasst. Der Dirigent, der die großen, schweren Musikdramen in- und auswendig beherrschte, hatte eigentlich ein Faible für die leichtere Muse, schrieb eine "Autofahrt ins Glück" oder das Musical "Sabine, sei sittsam".