„Tour de Farce“ bezaubert das Premierenpublikum

Rebecca und Herb – Bühnenszene aus der temporeichen Komödie. Foto: Christof Mattes

Temporeiche Premiere bei den Wiesbadener Kammerspielen: Regisseur Klaus-Dieter Köhler spart bei seiner irrwitzigen Komödie nicht mit Seitenhieben gegen die amerikanische Politik.

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WIESBADEN. Rebecca und Gwenda sind hinreißend. Zwar cholerisch die eine und öffentlichkeitsgeil die andere, ist es dennoch schwer, sich ihrem Charme zu entziehen. Herb Gladney, umherwandernd mit Schiebermütze und Pfeife, geht ein solcher ab. Und doch nimmt die Figur des verschusselten Autoren gefangen, gleiches gilt für Senator Grant Ryan, der nicht mit Seitenhieben auf die aktuelle amerikanische Politik spart. Rebecca, Gwenda, Herb und Grant – nur vier von insgesamt fünf Frauen- und fünf Männer-Figuren, die sich in den ausverkauften Kammerspielen Wiesbaden eine temporeiche „Tour de Farce“ liefern. Zum Entzücken des Premierenpublikums, das neben den Darstellern Carolin Freund und Frank Eller völlig zu Recht Kostüm und Maske feiert. Regisseur Klaus-Dieter Köhler hat bei der irrwitzigen Komödie aufs Tempo gedrückt, und das fordert allen alles ab. Auch der Tür eines doppelten Wandschrankes, die es ob des energiegeladenen Spiels im wahrsten Sinne des Wortes aus den Angeln hebt.

Der Plot der von Kingsley Day und Philip LaZebnik ersonnenen „Tour de Farce“ ist simpel: Autor Herb reist mit Gattin Rebecca in die Provinz, um sein Buch „Ehe währt für immer“ zu promoten. Das Paar hat nicht mehr viel gemein und so fällt es Rebecca nicht schwer, mit ihrer Jugendliebe Grant, inzwischen Senator und im gleichen Hotel abgestiegen, erneut anzubändeln. Der allerdings plant hier ein Schäferstündchen mit der ultrablonden Gwenda, die alle Blondinen-Klischees vortrefflich bedient. Sensationsreporterin Pam Blair kommt der unglücklichen Ehe des Autorenpaares auf die Schliche und postiert ihren depressiven schwedischen Kameramann Gunnar im Wandschrank. Der indes ist weniger an skandalösen nackten Fakten, denn an schönen Bildern à la Ingmar Bergman interessiert…

Die Verwechslungen sind vorhersehbar, machen allerdings riesigen Spaß. Das gilt auch für die schrägen Einlagen des Hotelpagen, einer Nonne, die sich bedauerlicherweise zum Gesang hingezogen fühlt, und eines kleptomanischen Zimmermädchens. Carolin Freund gibt die Frauenfiguren mit ansteckender Spielfreude und dialektischem Geschick, dem Frank Eller nicht nachsteht. Als Gunnar ist er ebenso unwiderstehlich wie als angetrunkener Senator. Und wenn er in Frauenkleider schlüpft, um dessen betrogene Ehefrau zu geben, ist der turbulente Irrsinn endgültig in den Kammerspielen angekommen.

Knallende Türen vermögen das Geräusch, der die Kostüme in Form haltenden Klettverschlüsse nicht immer zu übertönen, in der Hektik des Geschehens kann auch schon mal ein Hosenschlitz versehentlich geöffnet bleiben. Oder es haut besagte Tür aus den Angeln. Doch was die gebürtige Wiesbadenerin Carolin Freund und Frank Eller bis zu dem an dieser Stelle bewusst vorenthaltenen (Happy) End auf den Bühnenbrettern an der Bergkirche zeigen, verdient den anhaltenden Premierenapplaus. Und viele weitere Zuschauer mit Sinn fürs Schräge und Schöne des Lebens.