"Teilhabe-Assistent" für behinderte Kinder: Eltern...

Symbolfoto: dpa

Immer mehr Kinder mit Behinderung brauchen in der Schule einen eigenen Betreuer. In Wiesbaden knirscht es bei diesen Teilhabe-Assistenten, sagen die Eltern. „Es gibt Probleme...

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WIESBADEN. "Wir möchten nur, dass unsere Kinder zuverlässig in die Schule gehen können – so wie alle anderen Kinder auch.“ Das sagen Eltern behinderter Kinder in Wiesbaden, von denen sich jetzt rund zehn zu einem Verein zusammengeschlossen haben: Igel-Wi (Initiative gemeinsam Lernen Wiesbaden). Kinder mit Beeinträchtigungen werden in Kita und Schule von sogenannten „Teilhabe-Assistenten“ begleitet, zusätzlich zum Lehrer. Jetzt warnen die Igel-Eltern: Das System funktioniere in Wiesbaden nicht gut: „Es gibt Probleme mit der Zuverlässigkeit, der Qualifikation und der Kommunikation.“

Sie berichten von „häufigen Wechseln der Teilhabe-Assistenten innerhalb weniger Monate“ und einer „ständigen Unsicherheit, ob überhaupt jemand kommt“. Für die Familien hat das teilweise drastische Konsequenzen: „Morgens um sieben wird der Teilhabe-Assistent abgesagt. Dann haben wir kaum eine Wahl: Entweder wir gehen selbst mit, bezahlen jemanden aus eigener Tasche – oder das Kind kann nicht in die Schule.“ Für einige Elternteile hatte diese Situation schon zur Folge, dass sie nicht mehr arbeiten können, berichten sie.

Vorwürfe: Unzuverlässigkeit und geringe Qualifikation

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Die Kosten für Teilhabe-Assistenten zahlt das Amt für soziale Arbeit, beschäftigt sind sie bei freien Trägern der Behindertenhilfe. Mit einer Änderung im Herbst 2016 hätten hier die Probleme begonnen, sagen die Igel-Eltern. Seitdem ist in Wiesbaden statt verschiedener Träger nur noch ein einziger für diesen Bereich zuständig: Evim Bildung. Johannes Weber, Leiter der Koordinationsstelle Behindertenarbeit im Amt für soziale Arbeit, sagt zur Entscheidung, die Teilhabe-Assistenten bei einem Träger zu bündeln: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Das gelingt uns ganz gut, aber nicht immer. Es gelingt uns aber leichter, seitdem wir Evim Bildung mit im Boot haben. Weil Evim Bildung schon Teil des Schulsystems ist: Dem Träger wurden schon überregional Aufgaben der Beratungs- und Förderzentren (BFZ) übertragen, und mit Campus Klarenthal ist noch weitere Erfahrung mit Schule vorhanden. Wir als Stadt aber müssen uns aus Schule und Bildung raushalten – das ist Landesaufgabe.“

In Wiesbaden gibt es aktuell 418 Fälle, in denen Inklusionshilfe gewährt wird, 159 davon an Schulen. 2010 waren es mit 149 noch deutlich weniger. Rund 5,8 Millionen Euro gibt die Stadt im Jahr dafür aus. „Gut angelegtes Geld“, betont Weber. Und: „Das ist kein fester Satz, sondern die Summe wird dem Bedarf angepasst.“ Er gibt zu: „In der Umstellungsphase – ungefähr ein Dreivierteljahr – gab es Schwierigkeiten, beispielsweise bei der Einsatzplanung. Wir haben in dieser Zeit auch nicht immer glücklich agiert, die betroffenen Eltern schlecht eingebunden und nicht ausreichend kommuniziert.“

"Besser geworden - aber nicht gut

Die Igel-Eltern sagen zur aktuellen Situation: „Es ist besser geworden – aber nicht gut." Sie kritisieren auch mangelhafte Qualifikation der Teilhabe-Assistenten von Evim Bildung: „Wir erwarten keine pädagogischen Fachkräfte – aber die Teilhabe-Assistenten sollten sich schon mit Behinderung auskennen. Die Kinder sind ja bisweilen alleine mit ihnen und alle müssen auch extreme Situationen meistern können.“ Gerhard Kopplow, Geschäftsführer von Evim Bildung, äußert sich zu den Vorwürfen: „Die Kritik wundert uns sehr. Die dauerhafte Zuständigkeit für einzelne Kinder ist überwiegend die Regel. Ein mehrfacher Wechsel innerhalb von wenigen Monaten ist so gut wie unvorstellbar und nur bei einem Zustandekommen von mehreren Ausnahmesituationen und unglücklicher Umstände überhaupt denkbar."

Zur Qualifizierung sagt er: „Es gibt gesetzlich vorgeschriebene Anforderungen, wie Erste-Hilfe-Kurse und Hygieneschulungen, die wir mit den Beschäftigten durchgehen.“ Ein großer Teil der Mitarbeiter durchlaufe auch einen VHS-Kurs. Ein Teilhabe-Assistent bei Evim Bildung bekommt nach dem Haustarifvertrag mindestens 2237 Euro Brutto-Monatslohn, außerdem gibt es derzeit noch sechs Mitarbeiter im Freiwilligen Sozialen Jahr. Über die Entgeltvereinbarungen zwischen Amt und Evim möchten sich beide Seiten nicht äußern. Ein anderer Träger der Behindertenhilfe kann aber eine Einschätzung abgeben: Hans Grzegorzewski leitet die Lebenshilfe Wiesbaden, die früher ebenfalls Teilhabe-Assistenten angeboten hat. Er sagt: „Zu den angebotenen Sätzen wäre es uns nicht möglich, diese Leistung zu erbringen.“ Deshalb hat sich die Lebenshilfe, ebenso wie die IFB, dazu entschieden, aus diesem Bereich auszusteigen. Grzegorzewski berichtet: „Andere Städte, beispielsweise Frankfurt und Kassel, zahlen deutlich mehr." Johannes Weber sagt dazu nur: „Mehr Geld heißt nicht mehr Leistung."

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„Es geht hier doch nur ums Geld“, meinen die Igel-Eltern. Und das sei zu kurz gedacht: „Wenn es Sicherheit für Eltern, Kinder und Lehrer gibt, sind alle entlastet und das Kind wird gut durch die Schulzeit getragen. Die Eltern werden nicht zum Sozialfall – und wenn schon in der Schulzeit investiert wird, ist es doch viel wahrscheinlicher, dass derjenige später arbeiten und eigenständig leben kann.“