Mittendrin, laut und bedrückend: Am Mahnmal der Synagoge
Deutschlandweit wird an die Pogromnacht vor 80 Jahren erinnert. Doch wie sieht eigentlich der Alltag rund um das Mahnmal am Wiesbadener Michelsberg aus?
WIESBADEN. Dass vor allem die Stille fehlt, muss man ausblenden. Zu laut, zu geschäftig, zu schnell geht es an einem gewöhnlichen Dienstagvormittag am Michelsberg zu, als dass ein angemessenes Innehalten so ohne Weiteres möglich wäre. Wiesbaden erwacht. Erst mit der abendlichen Dunkelheit wird es langsam wieder ruhiger.
Die im Jahr 2011 ihrer Bestimmung übergebene Gedenkstätte an der Coulinstraße, dem Standort der ehemaligen Synagoge, ist durch die Straßenführung in zwei miteinander korrespondierende Bereiche unterteilt. An diesem klaren Novembermorgen wird ihr das zum Verhängnis: Es vergeht kaum eine Sekunde, in der nicht mindestens zwei Autos gleichzeitig, in entgegengesetzter Fahrtrichtung, aneinander vorbeirauschen. Der Lärmpegel ist enorm. Letzteres hängt aber auch damit zusammen, dass sich die hessische Landeshauptstadt ihre kollektive Müdigkeit aus den Knochen schüttelt: Kinder werden gähnend zur Schule gefahren, die Blicke der vorbeieilenden Passanten sind gesenkt, der Lieferverkehr bahnt sich seinen geräuschvollen Weg. Touristen sind keine in Sicht.
Es bleibt also Zeit, sich mit der illustren Ansammlung von Gewerbetreibenden zu beschäftigen, die in den Jahren rund um das Mahnmal ansässig wurden – ein Spirituosenhandel, ein Kiosk, zwei Friseure, ein Blumenhaus, ein türkisches Restaurant, eine Pizzeria. Die Pilsstube öffnet laut Aushang jeden Tag um acht Uhr in der Früh. Ein vergessenes Wahlplakat an einer Laterne ruft in Großbuchstaben dazu auf, „Rassismus und Hetze zu bekämpfen“.
„Zufällig kommt hier keiner vorbei“
„Jaja, hier kommen oft Gruppen vorbei, meistens mit einem Bus.“ Der Kioskbesitzer steht rauchend vor seinem Laden, die dunkelblaue, löchrige Wollmütze ungleichmäßig in die Stirn gezogen. Er spricht langsam, mit osteuropäischem Akzent. „Die fotografieren dann sich und das Mahnmal. Manche kaufen auch etwas bei mir. Das Erinnern ist wichtig.“
Auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung wurde 2006 ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals um die vormalige Heinrich-Heine-Anlage am Michelsberg ausgerufen. Das Ziel war es, einen würdevollen Ort zum Gedenken an alle während der nationalsozialistischen Diktatur ermordeten jüdischen Bürger Wiesbadens zu schaffen. Bis zu diesem Zeitpunkt befand sich dort lediglich ein kleines Gedenk-Ensemble, womit an die am 10. November 1938 von den Nationalsozialisten überfallene, geschändete und in Brand gesetzte Hauptsynagoge Wiesbadens erinnert wurde.
Hinter der Theke eines Imbisses um die Ecke richtet sich das Besitzer-Ehepaar für den hungrigen Mittagsansturm. „Nein, Touristen sehen wir hier kaum. Wenn überhaupt, dann sind es Schulklassen, die das Mahnmal besuchen“, erklärt die Frau unter Geschirrgeklapper. „Das hängt aber auch mit der Lage zusammen. Zufällig kommt hier keiner vorbei. Auf der anderen Straßenseite laufen sowieso nicht viele. Und hier? Von 100 stoppt vielleicht einer.“ Aber findet sie, die Gedenkstätte sei gelungen? „Sie erzählt eine Geschichte. Da kann man nicht sagen, sie ist schön. Das wäre nicht passend.“
Die Gedenkanlage, wie sie heute den Michelsberg prägt, befindet sich genau an jener Stelle, an der einst die von Philipp Hoffmann 1869 im maurischen Baustil errichtete Synagoge als Zentrum der liberalen jüdischen Gemeinde weithin sichtbar emporragte. „Ich finde es prima gemacht. Allerdings ist es mir fast zu nüchtern.“ Auf seinem nachmittäglichen Heimweg von der Mauritius-Mediathek, berichtet ein Arzt im Ruhestand, nimmt er sich oft ein, zwei Minuten, um am Mahnmal innezuhalten. „Auch wenn es kein Ort ist, der zwingend zum Verweilen einlädt.“ In einem Hospiz am Niederrhein habe er zuletzt praktiziert. Und jetzt? „Als Pfarrerssohn interessiere ich mich für alle Religionen. Als ich einmal in Israel war, habe ich einen Rabbi sagen hören: ‚Schreibt alles auf! So lange es geschrieben steht, ist das Unrecht nicht gelöscht.‘ Das hat mich tief beeindruckt.“
Falschparker und Sperrmüll säumen das Straßenbild
Ein Polizeiwagen rollt langsam von der Schwalbacher Straße heran. Die Uniformierten verteilen im Tagesverlauf fleißig Knöllchen an Falschparker vor dem Eingang der Fußgängerzone. Ein dick eingepacktes Paar macht kurz Halt an dem Haufen Sperrmüll, der sich auf der südlichen Seite der Coulinstraße aufwölbt. Schüler strömen, mit dicken Kopfhörern ausgestattet, in Richtung der innerstädtischen Schnellrestaurants – oder nach Hause.
Eine hochgewachsene Frau nimmt sich auffallend viel Zeit vor dem Namenband, auf welchem die Daten aller 1507 jüdischen Opfer des NS-Rassenwahns aus Wiesbaden verewigt sind. „Ich bin Provenienzforscherin. Es ist mein täglich Brot, mich mit dem Schicksal von Menschen jüdischen Glaubens auseinanderzusetzen. Deswegen bin ich hier“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Ich finde das hier gut umgesetzt. Es ist halt recht bedrückend, wenn man mittendrin steht. Aber das soll es wahrscheinlich auch sein.“
Mit der Sonne geht der Lärm. Die Bedrücktheit bleibt.
Von Matthias Laux