Landgericht Wiesbaden gibt Räuberinnen noch eine Chance

Nach dem Überfall auf eine Spielothek in der Wiesbadener Innenstadt kommen die Täterinnen mit Bewährungsstrafen davon. Ein Mittäter hat sich davongemacht – mit der Beute.

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Wiesbaden. Es sollte ihnen klar sein, welche Chance sie bekommen haben“, sagt Vorsitzende Richterin Kerstin Werno. Chance, das ist das Wort, das gleich mehrmals fällt, als am Freitag vor der 3. Strafkammer des Landgerichts das Urteil im Fall von Francesca M. und Barbara Y. mündlich kurz begründet wird. Die Frauen hatten, wenn auch erst ganz spät im Prozess, einen bewaffneten Raub gestanden, gemeinschaftlich begangen, mit einer Rollenverteilung: Francesca hatte das Insiderwissen, denn sie war im Herbst 2018 in der Spielothek „Avalon“ beschäftigt. Sie wusste um die Abläufe, um Einnahmen, sprich Beute. Sie wusste, wo der Schlüsselbund verstaut war, welcher Schlüssel zum Tresor passte, und in welchem der Fächer dort das Bargeld deponiert war. Die jetzt 33-Jährige hatte mit diesen Informationen ihren Teil geliefert, sie wartete in der Nacht zum 10. September 2018 zu Hause darauf, dass auch ihre jetzt 29-jährige Freundin Babsi und deren damaliger Freund, ein Amerikaner, ebenfalls liefern würden.

Das Pärchen hatte sich mit einem Messer bewaffnet auf den Weg zur Spielothek gemacht. Mit dem Messer mit einer Klingenlänge von rund 30 Zentimetern sollte die zu später Stunde allein noch anwesende Mitarbeiterin bedroht und eingeschüchtert werden. Das funktionierte denn auch, kaum dass die Mitarbeiterin auf das Klingeln der späten „Gäste“ die verschlossene Eingangstür geöffnet hatte. Die überrumpelte Frau sah sich zwei Räubern gegenüber – einer mit dem Messer bewaffneten Frau, die ihren korpulenten Körper mit einer Burka verhüllt hatte, und einem Mann, der als Maske ein Tuch vor dem Mund hatte.

Die rund 450 Euro, die sich das Räuberpärchen sofort griff, waren nur das Beiwerk. Zielgerichtet, weil instruiert, holten sie den Tresorschlüssel und aus dem Tresor das „viele Geld“, auf das sie es abgesehen hatten. Geld brauchten die Frauen dringend, sie hatten Schulden. Die Hälfte der Beute sollte Francesca kriegen, die andere Hälfte sollten sich Babsi und deren Freund teilen. Von wegen Freund, denn er schmierte sie an, wenn man dem Geständnis der Frauen Glauben schenkt. Die Hälfte der Beute will der Amerikaner, der wieder in den Staaten leben soll, „verloren“ haben auf dem Rückweg vom „Avalon“. Das soll er den Komplizinnen laut deren Geständnis gesagt haben. Francesca will überhaupt nichts abbekommen haben, und für Babsi soll es ebenfalls kein Bargeld gegeben haben – nur Klamotten und Schuhe im Wert von etwa 350 Euro. „Geschenke“, die ihr der Freund habe zukommen lassen.

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Urteil für besonders schweren Raub

Das zielgerichtete Vorgehen der Räuber in der Spielothek nährte sehr schnell bei Mitarbeitern und der Polizei den Verdacht, dass ein Insider mit von der Partie war. Dieser Verdacht erhärtete sich. Im Prozess konnten sich die Frauen, ein deutlich härteres Urteil vor Augen, dann doch zu einem Geständnis durchringen. Und das zahlte sich aus. Das Gericht wertete die Tat in der Gesamtabwägung aller Umstände juristisch als „minderschweren Fall“. Da liegt der Strafrahmen bei einem bis fünf Jahren Freiheitsstrafe. Berücksichtigt wurde, dass seit dem Raub über vier Jahre vergangen sind, es könne eine günstige Sozialprognose gestellt werden, und, auch das hebt das Gericht hervor, das Opfer sei nach eigener Schilderung durch das Verbrechen nicht stark beeinträchtigt gewesen.

Ein Jahr und neun Monate Freiheitsstrafe für besonders schweren Raub lautet das Urteil, ausgesetzt für drei Jahre zur Bewährung. Bei Francesca M. ist eine Entscheidung des Amtsgerichts vom Mai 2022 einbezogen, damals wurde die Wiesbadenerin wegen Diebstahl zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Frauen müssen, wenn das am Freitag ausgesprochene Urteil rechtskräftig wird, noch 50, im Fall Babsi 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Die viel beschworene Chance verknüpft das Gericht mit einem Warnhinweis: „Jedes Klauen kann dazu führen, dass die Bewährung widerrufen wird. Dann müssen sie die Strafe absitzen“, macht Richterin Werno klar.