Im Ehrenamt ist Wilfried Kehraus Bürgermeister einer kleinen...

Bürgermeister und Polizeirat Wilfried Kehraus  Archivfoto: wita/Martin Fromme  Foto:

Wilfried Kehraus kramt in der Erinnerung. „Wann es das letzte Mal einen Einbruch bei uns gegeben hat?“ – „Bei uns“ meint Welterod, aktuell rund 470 Einwohner, ein...

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WIESBADEN. Wilfried Kehraus kramt in der Erinnerung. „Wann es das letzte Mal einen Einbruch bei uns gegeben hat?“ – „Bei uns“ meint Welterod, aktuell rund 470 Einwohner, ein Dorf in der Verbandsgemeinde Nastätten. Kehraus, der ehrenamtliche Bürgermeister, überlegt lange. Dann fällt ihm sogar eine Serie ein – Einbruch bei der Feuerwehr, Einbruch im Kindergarten, Einbruch beim Sportverein. „Das liegt aber mindestens 15 Jahre zurück“, sagt Kehraus und lacht.

In Welterod sind das Sicherheitsgefühl der Einwohner und die objektive Sicherheitslage so gut wie deckungsgleich. Da passiert nichts. Jedenfalls nichts, was die Kriminalstatistik mit Fallzahlen belasten würde. Ein Vorteil der abseitigen Lage und der sozialen Kontrolle durch gelebte Nachbarschaft.

Kehraus lebt im Alltag in zwei Welten. Rund 36 Kilometer liegen zwischen der privaten und der beruflichen Welt. Ein starkes Kontrastprogramm, Welterod und Wiesbaden. Als Polizeirat ist der 56-Jährige seit Dezember 2016 Leiter des 1. Polizeireviers am Platz der deutschen Einheit, Chef von rund 90 Mitarbeitern zuständig für das „Herzstück“ der Stadt. Dort leben rund 80 000 Menschen. Hunderte von Lokalen, die Fußgängerzone, dazu der Landtag, die Staatskanzlei, die meisten Ministerien, das Justizzentrum und der Hauptbahnhof gehören zum Bereich des Reviers. Pro Jahr werden rund 5 000 Straftaten bearbeitet. Auch schon deswegen sei die Aufgabe als Revierleiter eine „Herausforderung“, aber auch „etwas Besonderes“, sagt Kehraus.

Im Oktober wird er 40 Jahre bei der hessischen Polizei sein, und 30 dieser Jahre ist er an jedem Arbeitstag nach Wiesbaden gependelt. Zuletzt war die Entfernung kürzer, auch das Kontrastprogramm schwächer – Kehraus war Revierleiter in Bad Schwalbach gewesen. Jetzt also wieder Wiesbaden. Wieder das 1. Revier, wie schon 1990 und 2006. Diesmal als Leiter. Und unter ganz anderen Vorzeichen, was die allgemeine Sicherheitslage betrifft. Weil nach den Terroranschlägen dem Schutz besucherträchtiger Veranstaltungen auch in der Landeshauptstadt eine andere Bedeutung beigemessen werden muss.

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Er wisse die Vorzüge der Stadt zu genießen, sagt Kehraus, das Angebot des Theaters, der Kinos oder die vielen sonstigen Veranstaltungen. Einerseits. Andererseits wisse er aber die Ruhe und die Beschaulichkeit eines Dorfes zu schätzen. Das Überschaubare und Verlässliche. Das Dorf und die soziale Gemeinschaft seien abseits des Berufs für ihn Dreh- und Angelpunkt. Ein Umzug in die Stadt sei nie Thema gewesen. Auch schwer vorstellbar, wenn man weiß, wie sehr er verankert ist in der dörflichen Gemeinschaft. Bevor er 2014 zum Bürgermeister gewählt wurde, war er bereits 15 Jahre im Gemeinderat aktiv. Im Sportverein war er 22 Jahre im Vorstand, davon zehn Jahre Vorsitzender. Um nur zwei Beispiele der Ehrenämter zu nennen.

Wenn man nach Attributen sucht, die den Menschen Kehraus charakterisieren, dann stößt man schnell auf Werte wie Verantwortung und Pflicht. Bei 470 Einwohnern wie in Welterod muss sich jeder einbringen, wenn das soziale Leben im Dorf nicht einschlafen soll. Ein Beispiel: Kehraus, der Jugendbetreuer im Sportverein, gewinnt vier jugendliche Fußballer dafür, sich als Schiedsrichter ausbilden zu lassen. Schiedsrichter werden händeringend gesucht. Selbstredend, dass er sie zu den Lehrgängen fährt, und weil er schon mal dort ist, setzt er sich auch dazu. Und legt selbst die Schiedsrichter-Prüfung ab. Das passt zu ihm.

Wie jeder junge Mensch hatte auch der junge Wilfried einen Traumberuf. Förster, das hätte ihn gereizt. Es kommt anders, und es ist dem Zufall geschuldet, dass er bei der Polizei in Hessen landet. Bei der Bewerbung fährt er zweigleisig, Hessen und Rheinland-Pfalz. In Hessen ist die Aufnahmeprüfung früher, und weil er die schafft, nimmt er die Zusage hier wahr. Nach fast 40 Jahren im Polizeidienst sagt Kehraus noch immer: „Ich glaube, ich habe den schönsten Beruf.“