Gerhard Trabert spricht zur Eröffnung des Semesters der...

Plädiert dafür, die Armut (armer Deutscher) nicht gegen die Armut (armer Geflüchteter) auszuspielen: Gerhard Trabert. Archivfoto: A. Schmitz

Bildung und Information seien wichtig, „um Angst zu reduzieren“, sagte Trabert mit Blick auf jüngste Ereignisse im Osten Deutschlands.

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WIESBADEN. Gespannte Stille, Betroffenheit und Anteilnahme an einem Ort, der sonst eher für politische Scharmützel steht: Als Gerhard Trabert, Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main, das neue Semester der Volkshochschule (VHS) im Stadtverordnetensaal des Rathauses mit seinen „Gratwanderungen – Als Arzt im Einsatz auf fünf Kontinenten“ eröffnet, mögen viele Zuhörer ihren Ohren kaum trauen angesichts des Elends an so vielen Orten der Welt, das der Allgemein- und Notfallmediziner bei seinen Einsätzen hautnah miterlebt hat. So grenzenlos wie die Hilfe, die Trabert leistet, müsse auch die Bildung sein, betonte Philipp Salamon-Menger, der Direktor der VHS, zum Auftakt des Semesters, das erstmals ohne einen Themenschwerpunkt auskommt: Zu vielseitig seien die rund 2500 Angebote im Jahr, die nur aufgrund des großen Engagements des 80-köpfigen VHS-Teams und der 700 Kursleitenden möglich seien.

Die Bildung, die auch der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher Ingo von Seemen und Kulturdezernent Axel Imholz in den Mittelpunkt ihrer Grußworte rückten, muss nach Ansicht von Trabert kreativer werden. Bildung und Information seien so wichtig, „um Angst zu reduzieren“, sagte er mit Blick auf jüngste Ereignisse im Osten Deutschlands. Und er plädiert leidenschaftlich dafür, Armut (armer Deutscher) nicht gegen Armut (armer Geflüchteter) auszuspielen.

Mit seinen Schilderungen nahm der mehrfach für sein Engagement ausgezeichnete Trabert seine Zuhörer mit in unbekannte Welten: die der Obdachlosen vor allem in Mainz, aber auch in Wiesbaden, ins fahrbare Sprechzimmer, dann nach Lampedusa, an die türkisch-syrische Grenze, nach Ostgrönland, dem Land mit der weltweit höchsten Rate an Kinder- und Jugendsuiziden.

Sterben unter Ausschluss der Öffentlichkeit

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Die vielen Fotos, die der Gründer und Vorsitzender des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ präsentiert, machen seine ohnehin berührenden Schilderungen umso anschaulicher. „Berührende Momente“, wie er sie bei der Seenotrettung auf der Sea-Watch erlebte, inklusive. „Momentan findet das Sterben unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt“, beklagt Trabert, der mit der europäischen Politik hart ins Gericht geht: „Die Menschenrechte werden momentan über Bord geworfen.“ Seine Erfahrungen bei der Versorgung von Flüchtlingen führen ihn zu der mit spontanem Applaus quittierten These: „Wir könnten in Deutschland noch eine Million Flüchtlinge aufnehmen, wenn wir wollten.“