Frankfurter Landgericht bremst Theaterintendant Laufenberg

Auch hinter den Kulissen geht es turbulent zu am Staatstheater Wiesbaden. © René Vigneron

Antisemitismus-Vorwurf: Einstweilige Verfügung untersagt Behauptung des Wiesbadener Intendanten über Ex-Orchestervorstand Martin Schneider. Eine Wiederholung könnte teuer werden.

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WIESBADEN. Staatstheater-Intendant Uwe Eric Laufenberg darf nicht mehr den Eindruck erwecken, der Wiesbadener Trompeter Martin Schneider habe in Bezug auf den jüdischen Musiker Ilja Jossifov eine antisemitische Äußerung getätigt. Isabel Jahn, Sprecherin des Landgerichts Frankfurt, teilt auf Anfrage mit, dass das Gericht am 1. November eine einstweilige Verfügung erlassen habe. Laufenberg wurden Äußerungen „bei Meidung eines Ordnungsgelds“ untersagt.

Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro

Der Intendant hatte in einer Stellungnahme gegenüber dieser Zeitung den Eindruck zu erwecken versucht, Schneider habe sinngemäß über den Orchesterdirektor Jossifov gesagt: „Der ,Jude’ lügt, kann seinen Job nicht und instrumentalisiert den Holocaust.“

Laut Gerichtsbeschluss geht es bei dem Ordnungsgeld um eine Summe von bis zu 250.000 Euro. Nach der Entscheidung des Landgerichts, bestätigt die Richterin Isabel Jahn, darf Laufenberg auch nicht mehr den falschen Eindruck erwecken, der Posten des Orchesterdirektors sei zunächst Schneider „als Altersjob“ angeboten worden.

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Hintergrund der juristischen Auseinandersetzung ist ein Streit zwischen dem Wiesbadener Intendanten und dem Geschäftsführenden Direktor des Staatstheaters, Holger von Berg, um den Orchesterdirektor Ilja Jossifov. Während Jossifov der Wunschkandidat des Intendanten war, bezweifelte Holger von Berg die Qualifikation des Musikers und hatte dabei den Staatsorchester-Vorstand an seiner Seite. Dem Geschäftsführenden Direktor wurde von Laufenberg unter anderem vorgeworfen, dass er mit Jossifov in seinem Dienstzimmer Gespräche unter einem Plakatentwurf mit Hakenkreuz-Motiv geführt hat. Mit dem Plakatentwurf, der nicht realisiert wurde, sollte 2017 bei den Bayreuther Festspielen, wo Holger von Berg bis März 2021 beschäftigt war, auf Veranstaltungen der Reihe „Diskurs Bayreuth“ zur NS-Verstrickung der Festspiele aufmerksam gemacht werden.

Ein vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst beauftragtes Gutachten ist jedoch, wie berichtet, zu dem Schluss gekommen, dass der Antisemitismus-Vorwurf Laufenbergs gegenüber Holger von Berg „einer sachlichen Grundlage entbehrt“. Zuvor hatte bereits Hessens Antisemitismus-Beauftragter Uwe Becker in einer Stellungnahme vom 11. August befunden, dass es sich „nicht um Antisemitismus, sondern eher um Konflikte im zwischenmenschlichen Umgang“ handle. Tatsächlich schwelen seit Jahren Auseinandersetzungen sowohl auf der Führungsebene des Theaters als auch zwischen Intendanz und Staatsorchester. Der Trompeter Martin Schneider, mittlerweile im Ruhestand, gehörte bis Ende der Spielzeit 2021/22 dem Orchestervorstand an. Laufenberg hatte dieser Zeitung gegenüber Schneider „angewandten Antisemitismus“ vorgeworfen und den Eindruck erweckt, der Trompeter habe sich in einer Konkurrenzsituation mit Jossifov befunden und deshalb abwertend über den Musiker gesprochen.

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit stellte sich kürzlich in einem Schreiben an die Redaktion hinter den Trompeter. Man habe, schreibt der Vorsitzende Lothar Breidenstein, „Herrn Schneider kennengelernt als jemanden, der solch eine Unterstellung nicht verdient hat“. Ohne das „enorme Engagement“ von Schneider wäre auch ein von der Gesellschaft veranstaltetes Konzert im Festjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ nicht denkbar gewesen.

Auch in Wiesbaden, wo Schneider Laufenberg wegen Verleumdung angezeigt hatte, läuft derzeit ein Ermittlungsverfahren. Das bestätigt Oberstaatsanwalt Andreas Winckelmann. Es gehe um „Ehrverletzungsdelikte“.

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„Ministerium versteckt sich, statt Farbe zu bekennen“

Laufenberg hatte Schneider zudem Hausverbot erteilt. Dem Hausverbot hatte jedoch der Geschäftsführende Direktor nicht zugestimmt. Das Ministerium, mit der Stadt Wiesbaden Träger des Staatstheaters, wollte das Hausverbot rechtlich prüfen lassen. Schneider hatte bereits Mitte September über seinen Anwalt Christian Russ Widerspruch eingelegt. Auf neuerliche Nachfrage nach dem Stand der Prüfung teilt das Ministerium nun mit: „Der Betroffene setzt sich zwischenzeitlich rechtlich gegen das Hausverbot zur Wehr; eine gerichtliche Prüfung steht im Raum.“ Eine mögliche juristische Auseinandersetzung obliege der „Dienststellenleitung“, also der Leitung des Staatstheaters selbst.

Schneiders Anwalt moniert nun gegenüber dieser Zeitung, dass er nicht einmal eine Bestätigung für den Eingang des Widerspruchs erhalten habe. Das Ministerium hätte, so Russ, als Aufsichtsbehörde die Möglichkeit gehabt, jenseits des förmlichen Verwaltungsverfahrens den Intendanten anzuweisen, das „auf den ersten Blick rechtswidrige“ Hausverbot aufzuheben: „Lieber versteckt sich das Ministerium nun hinter dem Verwaltungsverfahren, statt Farbe zu bekennen.“