Fälle von Cybermobbing: An den meisten Grundschulen in...

Smartphone mit einem weinenden Emoji. Kinder können mit schlechten Online-Erfahrungen viel schlechter umgehen als Jugendliche und werden davon viel leichter traumatisiert, meint der Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt Wiesbaden, Günter Steppich. Foto: dpa

Ein Roller? Ein Fußball? Das war einmal: Smartphones sind heutzutage derart allgegenwärtig, dass sie für viele Kinder den sehnlichsten Wunsch bereits im Grundschulalter...

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WIESBADEN. Ein Roller? Ein Fußball? Das war einmal: Smartphones sind heutzutage derart allgegenwärtig, dass sie für viele Kinder den sehnlichsten Wunsch bereits im Grundschulalter bedeuten – und nicht wenige Eltern erfüllen ihn. Günter Steppich ist Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt Wiesbaden und Rheingau-Taunus-Kreis und hält davon gar nichts: „Aus meiner Sicht sollten Grundschulkinder definitiv kein Smartphone besitzen.“ Eine große Gefahr sieht er insbesondere in dem unter Teenagern weitverbreiteten Cybermobbing, bei dem Schülergruppen online gegen ein gleichaltriges Opfer hetzen.

„Kinder können mit solchen Erfahrungen noch viel schlechter umgehen, werden davon viel leichter traumatisiert als Jugendliche und trauen sich häufig nicht, mit ihren Eltern darüber zu sprechen, weil sie unter anderem Angst haben, dass ihnen das Smartphone dann abgenommen wird“, erklärt Steppich, der auch Lehrer am Gutenberg-Gymnasium ist. Nach seiner Erfahrung hätten die meisten Eltern keinerlei Vorstellung, mit welchen Inhalten ihre Kinder speziell per WhatsApp konfrontiert werden.

Informationsveranstaltungen für Eltern dringend notwendig

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Auch das Gros der Wiesbadener Grundschulen behandele das Thema restriktiv, die Nutzung in der Schule sei fast überall nicht erlaubt, sagt Steppich. „Entsprechende Informationsveranstaltungen für Eltern sind dringend notwendig und finden in unserem Schulamtsbereich an immer mehr Grundschulen statt. Im vergangenen Schuljahr habe ich selbst Medien-Elternabende an 18 der 80 Grundschulen im Amtsbezirk gehalten. Insgesamt habe ich bereits etwa die Hälfte der Schulen besucht. Manche Eltern halten solche Abende inzwischen in Eigenregie.“

So steht auch die Elternschaft der Anton-Gruner-Schule voll hinter dem Verbot, das in der Elternbeiratssitzung sowie in der Schulkonferenz einstimmig beschlossen wurde: Ablenkung vom Unterricht und die Entstehung von Neid sollen so verhindert werden. Als weitere Gründe für das Handyverbot nennt die Rektorin der Schule, Kathrin Düde, die fehlende Notwendigkeit („Wer anrufen muss, macht es über das Sekretariat“) und die Motivation zu kindgerechter Beschäftigung. „Kinder sollen in der Pause altersgerechte Spiele spielen und nicht fotografieren.“

Handy muss ausgeschaltet im Ranzen bleiben

Ebenso ist in der Diesterwegschule der Gebrauch von Mobiltelefonen verboten. „Wenn ein Kind, weil es anschließend noch in den Hort oder zu Freunden geht, auf Wunsch der Eltern ein Handy dabei haben soll, dann muss es während der Schulzeit ausgeschaltet im Ranzen bleiben“, betont die Schulleiterin Susanne Kies. In der Unterrichtszeit kam es daher bislang zu keinen Vorfällen. Allerdings sind ihr zwei Fälle bekannt, bei denen Schüler nachmittags zuhause per WhatsApp kommunizierten und dabei Mitschüler ausgrenzten. „Nach Bekanntwerden dieses Verhaltens, haben die Klassenlehrerinnen sofort interveniert, indem sie zum einen mit den Schülern selbst, zum anderen aber auch mit deren Eltern das Gespräch gesucht haben.“

In der Grundschule Bierstadt kam es am Ende des vergangenen Schuljahres erstmals zu einem WhatsApp-Konflikt, der aus dem Privatbereich in die Schule schwappte: Schüler einer vierten Klasse hatten einen Mitschüler online schwer beleidigt. „Der Konflikt, obwohl überhaupt nicht schulischen Ursprungs, wird dann zur Lösung in die Schule getragen. Sehr ärgerlich für uns. Ich rate in solchen Fällen betroffenen Eltern zu einem sehr konsequenten Weg mit polizeilicher Anzeige, damit die Kinder genau verstehen, welche Grenze sie überschritten haben“, erklärt der Rektor der Schule, Christoph Steuer. „Wir raten den Eltern grundsätzlich dringend davon ab, Kinder im Grundschulalter mit einem Handy auszustatten. Gerade im Kontext mit einer Internet-Freischaltung ist das eigentlich überhaupt nicht verantwortbar.“