Die iPads sorgen für Diskussionen in Wiesbaden

Ein iPad für die Schule und für zu Hause. Eltern würden zehn Euro monatlich zahlen.

Wiesbadener Fünftklässler sollen von der Stadt für höchstens zehn Euro im Monat bald iPads bekommen. Das polarisiert - hierzu ein Pro und Contra.

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Wiesbaden. Schülerinnen und Schüler in Wiesbaden ab Klasse 5 sollen vom kommenden Schulhalbjahr mit iPads ausgestattet werden, wenn ihre Schule bei dem städtischen Projekt „1:1“ mitmacht. Die Stadtverordnetenversammlung hat wie berichtet in ihrer jüngsten Sitzung eine entsprechende Vorlage von Schuldezernent Axel Imholz (SPD) beschlossen. Die iPads können mit einer monatlichen Höchstrate von zehn Euro von den Eltern der Kinder über einen Zeitraum von vier Jahren geleast werden. Familien, die Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz erhalten, müssen nichts dafür bezahlen. Geplant ist, jeweils einen neuen Jahrgang „nachrücken zu lassen“, das bedeutet, in sechs Jahren könnten theoretisch alle Schülerinnen und Schüler bis zur Klasse 10 mit den Tablets ausgestattet sein. Das Wiesbadener Medienzentrum hat das Projekt mitentwickelt und übernimmt die Fernwartung, das so genannte „Mobile Device Management.“ Je Schülerjahrgang kalkuliert die Stadt derzeit mit Kosten von etwa 1,1 Millionen Euro.

Wir haben zwei Experten gefragt, was sie von der Idee halten. Für das Vorhaben spricht sich Gerald Mombauer aus. Er ist Lehrer an der IGS Kastellstraße. unterrichtet Mathematik, Physik und Medienbildung und ist der IT-Beauftragte der Integrierten Gesamtschule. Gegen das Vorhaben argumentiert Günter Steppich. Er ist Beratungslehrer für Medienerziehung am Gutenberggymnasium und Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt sowie am Kultusministerium. Steppich unterrichtet Englisch, Sport und Informatik.

Pro: Tablets rein, Smartphones raus

Gerald Mombauer von der IGS Kastellstraße. Er ist für die iPads ab Klasse 5.
Gerald Mombauer von der IGS Kastellstraße. Er ist für die iPads ab Klasse 5. (© Gerald Mombauer)
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Tablets für die Fünftklässler? Es gibt Studien, die es befürworten, andere die dagegen sind. Ich bin dafür. Hier meine Argumente: Die Bundesländer haben 2016 beschlossen, dass Medienbildung als Voraussetzung für die soziale Teilhabe den gleichen Stellenwert wie Rechnen, Lesen und Schreiben und Englisch erhalten wird. Dank Medienentwicklungsplan und Digitalpakt hat sich die Ausstattung an den meisten Schulen inzwischen deutlich verbessert, die Corona-Pandemie hat diese Transformation nochmals beschleunigt. Bedürftige Schüler/innen erhielten Tablets als Leihgeräte und waren nicht mehr auf ihre eigenen Smartphones angewiesen. Die sogenannten Corona-Tablets werden aber nicht ewig halten. Die Tablets für die Fünftklässler kommen daher genau zum richtigen Zeitpunkt. Die alten Geräte können so lange rotieren beziehungsweise die Versorgung verbessern, bis unsere 6er die 10. Klasse erreicht haben. Der Schulträger hat dazu ein aus meiner Sicht sehr gutes Angebot erarbeitet: Einkommensschwache Familien müssen nichts zahlen, ansonsten fallen maximal zehn Euro pro Monat mit einer Laufzeit von vier Jahren oder eine Einmalzahlung von maximal 480 Euro an. Preislich ist das okay. Richtig gut wird das Ganze durch die Zusatzleistungen: Geräteschutz auch bei selbstverschuldeten Schäden, Apple Care für Firmenkunden (das heißt, unbegrenzter technischer Telefonsupport für Hard- und Softwareprobleme einschließlich der Apple Apps), vier Jahre Garantie und vieles mehr.

Kompetenz kommt nicht von Abstinenz.

GM
Gerald Mombauer IGS Kastellstraße

Die Software wird vom Medienzentrum verwaltet (bedeutet lizenzierte Schul-Apps und Bücher, Updates und mehr). Unterm Strich wird jedes iPad mit circa 200-300 Euro bezuschusst. Besser geht es meiner Meinung nach kaum. Warum muss es denn ein iPad sein? Ganz einfach: Es funktioniert, wir haben Erfahrung damit und die Geräte sind robust. Wozu kann ein iPad in der 5. Klasse beispielsweise verwendet werden? Schüler/innen und Eltern erhalten aktuelle Infos aus dem Kalender, dem Stunden- und Vertretungsplan, Unterrichtsinhalte, Noten, Klassenarbeitstermine und vieles mehr. Meine 5er hatten das übrigens in einer Lernwerkstatt, die wir angeboten haben, ganz schnell raus. Dazu gibt es noch zahlreiche tolle Apps für Fünftklässler, die den Unterricht bereichern. Eingesetzt werden sie dann, wenn sich ein Mehrwert daraus ergibt. Und dann gibt es noch die Classroom-App: Damit werden zum Beispiel die iPad-Bildschirme einer ganzen Klasse gesperrt, nur eine bestimmte App freigegeben oder auf Einzelbildschirme geschaut. Schulen, die für alle Schüler/innen unabhängig von der Einkommenssituation ein Corona-iPad beantragt haben, machen riesige Fortschritte in Sachen Medienkompetenzentwicklung, ganz besonders auch deren Lehrkräfte! Dies zeigt: Kompetenz kommt nicht von Abstinenz! Ein Großteil der neuen Fünfer-Welt an die Hand nehmen. Daher: Tablets rein, Smartphones raus und zwar so schnell wie möglich und auch für die 5er!

Contra: Geräte altersgemäß einschränken

Günter Steppich, Lehrer und Fachberater für Jugendmedienschutz in Wiesbaden.
Günter Steppich, Lehrer an der Gutenbergschule und Fachberater für Jugendmedienschutz in Wiesbaden. Er lehnt die iPads für Fünftklässler ab. (© Steppich)
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Auf den schnellen Blick ist das 1:1-Projekt eine scheinbar schicke, progressive Idee, aber: Warum wurden bei einer so einschneidenden Maßnahme nicht vorab Meinung und Expertise der betroffenen Schulen eingeholt? Warum will man iPads ohne jegliches pädagogisches Konzept verteilen und ohne den Jugendmedienschutz zu klären? Geräte von Kindern müssen altersgemäß eingeschränkt werden, unter iOS mit Bordmitteln machbar, aber wer erklärt das den Eltern? Trotz Beratung nutzen das im Jahrgang 5 meiner Schule 55 Prozent der Eltern nicht! Die iPads sollen inklusive Games und Social Media Apps frei genutzt werden können – ein Ablenkungspotential, das sie für den Unterricht der Unterstufe disqualifiziert. Zwar gibt es eine Software zur Beschränkung der Geräte im Schulnetz, deren Bedienung überfordert aber viele Lehrkräfte, selbst aktuelle ReferendarInnen sind für digitale Themen nicht ausreichend ausgebildet.

Es gibt gute Gründe für Eltern, das Gerät abzulehnen.

GS
Günter Steppich Gutenbergschule

Wir praktizieren ständig Learning by Doing, Versuch & Irrtum, auch wenn wir unter Corona digital viel dazugelernt haben. Um die Kontrolle zu umgehen, muss ein Kind am iPad lediglich das WLAN abschalten! Springender Punkt: Was mache ich im Unterricht, wenn manche Kinder kein iPad haben? Schließlich gibt es gute Gründe für Eltern, dieses Angebot abzulehnen. Aus diesen Gründen schließen wir an der Gutenbergschule die Nutzung privater Geräte in der Unterstufe kategorisch aus. In höheren Jahrgängen ist das ein ganz anderes Thema, aber auch da nicht ohne Probleme. Wie soll eine Schulleitung eine Empfehlung zu diesem Angebot abgeben, wenn ungeklärt ist, ob/wie die Geräte im Unterricht einsetzbar sind? Ranzen würden ohne schulischen Mehrwert noch ein Pfund schwerer, aber die Kids könnten sich die Busfahrt prima mit Games vertreiben... Übrigens: Wer weiß, wie Fünftklässler ihre Ranzen behandeln, packt da iPads nur in einer bombensicher-wasserdichten Stahlhülle rein! Ein „gewichtiges“ Plus wäre die Installation aller Bücher als eBooks, für Lehrmittel ist aber das Land zuständig, nicht die Stadt. Lizenzen dafür gelten meist für ein Jahr, ignorieren aber die Termine der Sommerferien und können Wochen davor ablaufen. Generell ist die Angst der Verlage vor Raubkopien ein Bremsklotz für eLearning. Und zuhause? Während der Lockdowns verloren Eltern die Kontrolle darüber, ob ihre Kinder schulisch oder privat am Bildschirm saßen - dieses Projekt zementiert das als Dauerzustand! Mich erinnert das an Großeltern, die Enkeln Smartphones schenken, ohne vorab mit deren Eltern zu sprechen. Finaler O-Ton aus meinem Informatikkurs, in dem an etlichen Schultablets schon nach 20 Minuten der Akku versagt: „Die Stadt sollte besser erstmal die Schulgeräte ersetzen!“