20.000 Besucher: Rekord im Biebricher Biberbau

aus ihnen leuchtet ein Licht

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Im Biberbau in Biebrich ist jeder willkommen. In der Jurte im Hintergrund gibt es regelmäßig Lagerfeuer.

Auf dem Gelände des Biberbau können Kinder Abenteuer erleben, Kreativität ausleben und Nachhaltigkeit erfahren. Um das Angebot zu erhalten, ist der Verein auf Spenden angewiesen.

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Wiesbaden. Wer den Biberbau zum ersten Mal betritt, weiß zunächst gar nicht, wohin er schauen soll. Wenn dieses Gefühl schon einen Erwachsenen beschleicht, wie muss es sich dann erst für ein Kind anfühlen? Aufs Schiff klettern und damit in See stechen? Die Halfpipe mit dem Bobbycar erkunden? Mit den Tieren auf dem Gelände auf Tuchfühlung gehen? Am Lagerfeuer in der Jurte Platz nehmen? Das mehr als 5000 Quadratmeter große Gelände in Biebrich ist ein vielseitiges und spannendes Abenteuerland, das es zu entdecken gilt. Dabei ist der Biberbau weitaus mehr als „nur” ein großer Abenteuerspielplatz. Das weiß auch Jens Joehnke, Projektleiter und einer der Gründer des Biberbaus.

Als Joehnke das Gelände seitlich der Biebricher Wiesenstraße zum ersten Mal begutachtet hat, gab es außer Unkraut nicht viel zu sehen. „Der Platz war fünf Meter hoch von Dornen zugewachsen”, erinnert er sich. „Dornröschenplatz” war daher der Name, der zunächst seitens der initiierenden Harald Knettenbrech Stiftung im Gespräch war. Doch das hielten Joehnke und sein Mitstreiter Thomas Berninger für keine gute Idee - und fanden im Biebricher Wappentier einen passenden Namensgeber. „Der Biberbau vermittelt Heimeligkeit und Schutz, der Biber baut mit Herz, das passte.” Etwas anderes passte auch: Die Stiftung stellte das Gelände und die finanziellen Mittel zur Verfügung, Joehnke und Berninger die Idee und die Manpower. Das war 2007. Im Mai 2008 öffnete der Biberbau erstmals für Besucher - bis zum Jahresende waren es 5500, die den Weg her fanden. Die Idee, Bildung für nachhaltige Entwicklung zu vermitteln, kam an. Und tut es bis heute.

Ein Abenteuerschiff, eine Jurte mit Lagerfeuer und eine Halfpipe für Bobbycar-Rennen - der Biberbau in Biebrich bietet viele Möglichkeiten für Kinder.
Ein Abenteuerschiff, eine Jurte mit Lagerfeuer und eine Halfpipe für Bobbycar-Rennen - der Biberbau in Biebrich bietet viele Möglichkeiten für Kinder. (© René Vigneron)

Zu Beginn waren es Kinder im Alter zwischen neun und 13 Jahren, die hauptsächlich herkamen. Sie errichteten ein Hüttendorf, es entstand ein kleines Ökosystem mit Banken, Schreinerei und einem demokratisch gewählten Hüttenrat. Doch die Umstellung auf G8 in den Schulen führte dazu, dass ältere Kinder immer weniger den Biberbau aufsuchten und dafür jüngere Besucher das Angebot für sich entdeckten. Die Arbeit im Biberbau ist heute ausgerichtet auf Ferienspiele, Schulklassen- und Kindergartenbesuche. Familien können hier einen Kindergeburtstag feiern. Es gibt sogar eine Grundschulkinderbetreuung, auch eine Jugendgruppe hat sich gegründet. Vier Sozialarbeiter, unterstützt von fleißigen FSJlern und Praktikanten, sind als Ansprechpartner vor Ort, kümmern sich um die pädagogischen Angebote, die Umsetzung des Konzepts und Verwaltungsaufgaben.

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Kernstück ist die offene Jugendarbeit

Das Kernstück aber bildet die offene Jugendarbeit mit altersgerechten Angeboten für Kinder unter und über sechs Jahren. Jedes Kind kann das offene Tagesangebot am Nachmittag nutzen, in der Werkstatt bauen, Tiere versorgen oder den Kletterparkour erkunden. Von Oktober bis April wird beinahe täglich ein Lagerfeuer entfacht. Diese Angebote sind kostenfrei, Gruppenbesuche und Kindergeburtstage kostenpflichtig. „Wir müssen unsere Gehälter selbst erwirtschaften”, erklärt Joehnke. Der Verein ist abhängig von Spenden, seine Finanzierung das Hauptthema, das den Projektleiter umtreibt. „Wir wissen im Januar immer nicht, ob wir im Dezember noch einen Job haben.” Zwar gibt es seitens der Stiftung und auch von der Stadt Zuschüsse, doch die reichen bei weitem nicht, um das Angebot aufrechterhalten zu können. Die Kurier-Benefizaktion „ihnen leuchtet ein Licht” unterstützt den Biberbau daher in diesem Jahr mit der Hälfte des Erlöses aus dem Weihnachtskonzert.

Wir wollen hier Geschichte und Kultur übers Spiel vermitteln. Im Zentrum steht die Kreativität.

Jens Joehnke Projektleiter und Gründer, Biberbau

Dass der Bedarf und das Interesse groß sind, zeigen die Besucherzahlen: Waren es in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 13.000 bis 16.000, kamen in diesem Jahr mehr als 20.000 Besucher in den Biberbau. Ein Rekordjahr, das der Projektleiter so erklärt: „Corona hat vielen gezeigt: Draußen macht Sinn.” Denn im Biberbau gibt es keine Angebote für drinnen, alles findet an der frischen Luft statt. Endlich wieder, könnte man sagen, denn in den Hochzeiten der Pandemie war der offene Betrieb für 15 Monate nicht möglich. Online-Angebote wurden von Kindern wie Eltern dankend angenommen, zweimal wöchentlich gab es eine „Kinderbetreuung über den Bildschirm”. Finanziell und organisatorisch hat die Pandemie den Verein jedoch hart getroffen: „Das Ersparte, das für Investitionen gedacht war, ging in der Zeit vollständig weg. Die Auflagen dann waren die Hölle: Anmeldung nur mit Daten, fünf Kinder pro Spielgerät, Tickets für bestimmte Zeiten.” Nun der Besucherrekord in diesem Jahr, „von null auf 200”. Deutlich macht das ein Beispiel: Beim Ponyreiten, in diesem Jahr viermal angeboten, kamen bis zu 400 Leute - pro Termin.

Auch ein schwarzer Hahn ist im Biberbau zuhause.
Auch ein schwarzer Hahn ist im Biberbau zuhause. (© René Vigneron)

Doch nicht nur für Kinder bietet der Biberbau Möglichkeiten: Mit einem Projekt für ukrainische Senioren, „Kreativität durch den Frieden” erreichte der Verein über 100 Menschen. Das Fahrradprojekt „Bikes & Babbeln”, bei dem auf dem Ulrich-Weinerth-Platz kostenlose Fahrradreparaturen angeboten wurden, kam gut an. „Wir wollen nachhaltig sichern, nicht immer bloß Neues generieren”, erklärt Joehnke.

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Vom Raumschiff in die Pyramide und auf die Burg

Der Biberbau möchte weiter wachsen. Die Planungen für die Errichtung eines Kindergartens auf dem Gelände laufen, ein Bauantrag ist gestellt. Auch in Zukunft wollen die Verantwortlichen Kindern „Lernen durch tun”, so das Motto des Vereins, vermitteln (wofür sie auch schon doppelt von der Unesco ausgezeichnet wurden). So entsteht derzeit gerade ein zeitgeschichtliches Dorf auf dem Gelände, wo die Kinder künftig in ein Raumschiff steigen, eine Pyramide mit einem Sarkophag erkunden oder eine Burg mit Graben und Zugbrücke erobern können. „Wir wollen hier Geschichte und Kultur übers Spiel vermitteln. Im Zentrum steht die Kreativität”, sagt Joehnke. Der Biberbau will seinen Besuchern vermitteln: „Du bist nicht nur Konsument, sondern auch Produzent.”