Zu Fuß zur Schule gehen, ist nicht immer leicht

Schmale Gehwege sind ein Problem. Die Carlo-Mierendorff-Schüler lassen sich davon aber nicht entmutigen. Foto: Denis Hubert

Der Schulweg ist ein heikles Thema: Während die Kostheimer Carlo-Mierendorff-Schüler Pässe ausfüllen, sorgen sich Eltern in Kastel Housing um die Sicherheit ihrer Kinder.

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KOSTHEIM/KASTEL. N

atasha geht zu Fuß zur Schule. Sie wohnt in der Luisenstraße in Kostheim und besucht die dritte Klasse der Carlo-Mierendorff-Schule. „Ich laufe gemeinsam mit zwei Freundinnen, die bei mir um die Ecke wohnen“, erzählt die Achtjährige. „Nur manchmal, wenn ich verschlafen habe, werde ich zur Schule gefahren.“ So wie Natasha geht es nicht allen Kindern: Manche sitzen täglich im Mama-Taxi. Deshalb setzt die Carlo-Mierendorff-Schule ein Zeichen – und hat ihre Schüler mit Schulwegepässen ausgestattet.

„Unterwegs mit dem Schulwegepass“ heißt das Projekt, das die dreizügige Grundschule im alten Ortskern in den vergangenen zwei Wochen vor den Herbstferien verwirklicht hat. Und zwar im Rahmen der Aktionstage „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“. Ausgerichtet werden diese vom gleichnamigen Aktionsbündnis, zu dem sich das Deutsche Kinderhilfswerk, der Fachverband Fußverkehr und der Verkehrsclub Deutschland vor sieben Jahren zusammengeschlossen haben. Im Mittelpunkt steht der 22. September, an dem jedes Jahr der „Zu Fuß zur Schule“-Tag begangen wird. An diesem Datum werden weltweit Kinder dazu aufgefordert, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Roller zur Schule zu kommen. Eltern, Lehrer und Erzieher sollen mit gutem Beispiel vorangehen – und ihr Auto stehen lassen.

Viele Kinder werden bis vor das Schulgebäude gefahren

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260 Schüler besuchen die 13 Klassen der Carlo-Mierendorff-Schule. Fast alle haben an der freiwilligen Pass-Aktion teilgenommen, die sich Lehrerin Barbara Herrmann ausgedacht hatte. Auf dem Faltblatt mussten die Schüler eintragen, ob sie im Erhebungszeitraum zu Fuß zur Schule gegangen sind, gefahren wurden oder sich sogar mit Klassenkameraden für den morgendlichen Gang verabredet hatten. Bei Abgabe des Schulwegepasses bekamen sie eine kleine Anerkennung: Erst- und Zweitklässler einen Stempel, Dritt- und Viertklässler einen Radiergummi.

„Wir hoffen, dass die Kinder sich die Aktion zu Herzen nehmen und auch nach den Ferien fleißig zur Schule laufen“, sagt Schulleiterin Vera Witkowski. Denn das sei nicht die Regel. „Viele Kinder werden bis zum Hoftor gefahren.“

Sicherlich bergen die schmalen Gehwege im Ortskern von Kostheim Gefahren. „Dadurch sind die Kinder gezwungen, voreinander zu laufen. Dabei möchten sie am liebsten nebeneinander gehen und sich unterhalten.“

Etwa zehn Minuten dauere der durchschnittliche Fußweg zur Schule, sagt Witkowski. Wer am äußersten Rand des Schulbezirks wohne, brauche rund 20 Minuten – länger sei der Weg aber nicht. „Wir arbeiten seit 2012 daran, die Eltern aufzuklären und zu vernetzen, damit die Kinder alleine oder gemeinsam zur Schule gehen.“ Ausreden über schlechtes Wetter möchte die Rektorin nicht gelten lassen. „Ich bin zu meiner Schulzeit selbst im strömenden Regen drei Kilometer zu Fuß gelaufen.“

Auch die Schüler der Gustav-Stresemann-Schule, die in der Außenstelle auf dem alten Kasernenterrain „Kastel Housing“ unterrichtet werden, möchten per pedes zur Schule. Doch die Eltern sorgen sich um die Sicherheit ihrer Schützlinge. „Wegen der drohenden Gefahren beim Überqueren der verkehrsreichen Wiesbadener Straße sind wir täglich in Sorge“, sagt Mutter Stefanie Pommrich.

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Der Zugang und die Zufahrt zur Grundschule erfolgen über die Wiesbadener Straße. Dabei handelt es sich um eine Autoeinfahrt, die auch von den Schulkindern benutzt werden muss. Die Wiesbadener Straße ist nach Ansicht der Eltern eine stark befahrene Durchgangsstraße, auf der Tempo 50 gelte, aber sehr oft schneller gefahren werde. Parkende Autos erschwerten die Sicht auf den Verkehr. Im Umkreis von 400 Metern gebe es keine Fußgängerampel, keinen Überweg und nicht einmal Hinweisschilder. Die nächste Verkehrsinsel sei 240 Meter entfernt, aber wegen schlechter Sichtmöglichkeiten für die Schüler keine Option.

In einem Brief an Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), Baudezernent Hans-Martin Kessler (CDU) und Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne) fordern die Eltern deshalb Abhilfe – etwa, den Bürgersteig in die Schuleinfahrt zu verlängern und das Gebiet um die Schule mit Verkehrsschildern wie „Achtung Kinder“ oder „Achtung Schule“ zu kennzeichnen. „Alle möchten vermeiden, dass es erst zu einem Unfall kommen muss, bevor gehandelt wird“, heißt es in dem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt.

Um einen objektiven Vergleich zu ermöglichen, haben die Eltern die Situation an anderen Wiesbadener Grundschulen untersucht und die dortigen verkehrssichernden Maßnahmen dokumentiert – mit dem Ergebnis, dass an allen Schulen solche Maßnahmen umgesetzt worden seien. Auch an Schulen, die im Umfeld wesentlich ungefährlichere Verkehrsbedingungen als Kastel Housing aufwiesen.

Die Eltern aus Kastel Housing kämpfen „seit Jahren“ für ihr Anliegen. Die Leiterin des Tiefbau- und Vermessungsamtes, Petra Beckefeld, hat den Eltern im Juni ausführlich dargelegt, wieso manche Wünsche nicht erfüllt werden könnten. Damit geben sich die Mütter und Väter aber nicht zufrieden. „Trotz vieler Bemühungen des Elternbeirats sowie paralleler Initiativen von betroffenen Eltern ließ sich keine Verbesserung der Verkehrssituation an der Grundschule erwirken“, sagt Stefanie Pommrich.