In der Backstube die Welt retten

Die Bäckermeister geben Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al Wazir (rechts) Antworten auf seine Fragen. Foto: hbz/Jörg Henkel

„Wir versuchen, ein bisschen die Welt zu retten“, sagt Volker Schmidt-Sköries, Geschäftsführer der Kaiser-Biobäckerei. Dafür hält das Unternehmen, 1976 in der...

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KASTEL. „Wir versuchen, ein bisschen die Welt zu retten“, sagt Volker Schmidt-Sköries, Geschäftsführer der Kaiser-Biobäckerei. Dafür hält das Unternehmen, 1976 in der Frankfurter Spontiszene entstanden und seit der Gründung im Gewerbegebiet Petersweg beheimatet, einiges parat. Wiederholten sich die Dürrejahre, bekämen die Bäcker ein Problem, hieß es bei einem Betriebsbesuch von Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne).

Die Großbäckerei wirbt mit der Idee, Kohlendioxid in den Ackerboden einzubringen, in Form von Asche aus Pflanzenteilen nach dem Verschwelen in einer Pyrolyse-Anlage. Der Schlüssel liege in der Kooperation mit der Erzeugergemeinschaft „Kornbauern“ mit Feldern in Hessen und Rheinland-Pfalz. Das Unternehmen unterscheidet sich von anderen. Es setzt auf eine Gewinnbeteiligung von Bauern und Mitarbeitern. Alles, was über fünf Prozent Rendite hinausgehe, werde hälftig verteilt. Die Bauern sollen von ihrer Produktion leben und nicht von EU-Beihilfen, das gehöre zu ihrer Würde, sagte Schmidt-Sköries. Für die Beschäftigten tüftelt der Betrieb an einem neuen Arbeitszeitmodell. Acht Stunden bezahlte Arbeitszeit, sieben Stunden reale Arbeit und eine Stunde Muße, in fünf Jahren soll es so weit sein. Die Gewerkschaft solle nicht „Feind“, sondern ein Partner sein.

In der Unternehmensleitung gälten ethische Prinzipien. Alle, die Beiträge leisteten, würden an der Wertschöpfungskette beteiligt. Kaiser sei Arbeit und Lebensstil zugleich. Die von Finanzwirtschaft und Digitalisierung getragene Ökonomie führe zur Entseelung. „Wir versuchen, Unternehmen anders zu definieren“, sagte Schmidt-Sköries, der sich selbst als einer der „grünen Dinosaurier“ bezeichnet, die damals in den von der Anti-Atomkraftbewegung getragenen 1970er Jahren den Aufbruch wagten. Die Idee, Brot zu backen, sei damals in einem Garagenbetrieb geboren worden.

Schlechte Zeiten durch „Geiz ist geil“

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Keiner habe das gekonnt, alle hätten bei einem Bäckermeister namens Theo Kaiser ihr Handwerk gelernt. Und die Erfahrung gemacht, dass Biobrot kein Produkt mit einem festen Standard, sondern das Ergebnis eines Werdensprozesses sei. Brote, wie sie anfangs aus der Backstube gekommen seien, könnten so heute nicht mehr angeboten werden.

Die Biobäckerei habe gute und schlechte Zeiten erlebt. Schlimm sei die Krise in den 1990er Jahren gewesen, als „Geiz ist geil“ gerufen und es schick geworden sei, zum Discounter zu gehen. „Doch wir haben es überlebt“, sagte Schmidt-Sköries. Noch sei das Unternehmen als eine GmbH verfasst. Es arbeite jedoch daran, eine andere Rechtsform als Stiftung zu wählen.

Mit fast 300 Mitarbeitern sei die Bäckerei kein kleiner Handwerksbetrieb mehr, sondern ein Großer in der Branche. Momentan baue das im Gewerbegebiet Petersweg auf fünf Adressen verteilte Unternehmen seine Präsenz aus. Es richte eine neue Backstube ein und habe dafür eine Halle hinzugenommen. Das sei besser, als auf der grünen Wiese einen Neubau zu errichten. Der finanzielle Rückhalt sei erheblich. 70 Prozent der Erträge blieben im Betrieb, nur 30 Prozent würden ausgeschüttet. Das werde mit einer hohen Eigenkapitalquote belohnt. Personalprobleme kenne das Unternehmen keine. Zwölf Bäckermeister leiteten die Produktion, fünf weitere würden eingestellt. Kaiser beschäftigte 38 Auszubildende in vier Lehrberufen. Wer einen davon ergreifen wolle, müsse einmal in der Lehrzeit aufs Feld, um ein Gespür für Getreide zu bekommen. Arbeit sei Schule und Lebensschule zugleich, sagte Schmidt-Sköries.

Von den „Kornbauern“ beziehe die Bäckerei 2500 Tonnen Getreide jährlich und setze die Backwaren in 18 eigenen Verkaufsstellen ab, mit Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet. Durch Handelspartner erweitere sich das Absatzgebiet, es reiche von Koblenz bis Karlsruhe. Der Betriebsbesuch hatte einen aktuellen Anlass, die Europawahl. Ein Teil der Investitionen der Biobäckerei werde von der Europäischen Union gefördert. Wegen der Europawahl gebe es daher einen Bezug, sagte der Minister.