13-jähriger Zeuge bringt Polizei auf die Spur zum Fundort von...

aus Der Fall Susanna

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An einer Bahnstrecke nahe Wiesbaden-Erbenheim wurde die Leiche am Mittwochnachmittag im Gebüsch gefunden.  Foto:

Es ist ein schwer zugängliches Gelände in der Gemarkung „Unterm Kalkofen“, inmitten von Feldern und Freiflächen zwischen Wiesbaden-Erbenheim und der Innenstadt. Am Rande...

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MAINZ/WIESBADEN. Es ist ein schwer zugängliches Gelände in der Gemarkung „Unterm Kalkofen“, inmitten von Feldern und Freiflächen zwischen Wiesbaden-Erbenheim und der Innenstadt. Am Rande einer eingleisigen Bahnstrecke, versteckt in einem Gebüsch, entdeckt die Polizei am Mittwoch gegen 14 Uhr eine weibliche Leiche. Auch wenn das Obduktionsergebnis und eine Identifikation noch ausstehen, wird im Laufe des Nachmittags klar: Die Tote ist die seit dem 22. Mai vermisste 14-jährige Schülerin Susanna F. aus Mainz.

Zur Todesursache kann die Polizei vor Ort noch keine Angaben machen. Über Stunden sichern Spezialisten am weiträumig abgesperrten Fundort Spuren. „Aufgrund der Spurenlage müssen wir von einem Gewaltverbrechen ausgehen“, sagt Andreas Hemmes, Sprecher der Polizei Wiesbaden. Gefahndet wird nun nach einem 20-jährigen Asylbewerber aus dem Irak.

Am Sonntagabend hatte die Polizei nach Informationen dieser Zeitung einen wichtigen Zeugenhinweis von einem 13-Jährigen bekommen. Ihm soll der Iraker erzählt haben, dass er das Mädchen getötet habe. Dabei habe der 13-Jährige auch erfahren, dass das Verbrechen schon am 22. oder 23. Mai verübt worden sein soll. Seit Montag durchkämmte die Polizei deshalb intensiv Bereiche in Erbenheim. Am Mittwochmorgen dann weiteten die Ermittler die Suche nach dem vermissten Mädchen noch einmal aus. Die eingesetzten Beamten wurden von etwas über 40 auf eine Hundertschaft aufgestockt, die auch ein unübersichtliches Steinbruchgelände durchkämmte.

Doch was ist seit dem Verschwinden des Mädchens bis zu ihrem mutmaßlichen Auffinden geschehen? Am Dienstagabend, 22. Mai, hielt sich Susanna F. mit Freunden in der Wiesbadener Innenstadt auf. Dort soll sie gesehen worden sein. Danach verliert sich ihre Spur. Eines der letzten Lebenszeichen des Mädchens war eine WhatsApp-Nachricht an ihre Mutter. Versendet an besagtem Dienstag, nachmittags um 16.56 Uhr. Darin steht: „Mama ich komm nicht nach Hause. Ich bin mit meinem Freund nach Paris gefahren. Such mich nicht. Ich komm nach 2 oder 3 Wochen. Bye.“

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In einem TV-Interview erklärte Mutter Diana F.: „Das ist keine Schreibart von meiner Tochter und ich weiß nicht, ob es in ihrem Einverständnis geschrieben wurde.“ Auf ihrem Facebook-Account erklärt die Mutter, ihre Tochter sei zuletzt am Folgetag, also am Mittwoch, 23. Mai, um 8.48 Uhr bei WhatsApp online gewesen. Danach sei ihr Handy ausgeschaltet gewesen.

Das Handy soll nach einem Bericht des Privatsenders RTL zuletzt im Bereich von Wiesbaden-Erbenheim eingeloggt gewesen sein. Am Mittwochabend, 23. Mai, meldete die Mutter das Mädchen bei der Mainzer Polizei als vermisst. Die Kriminalpolizei leitete eine Fahndung ein. Die Ermittler nehmen in solchen Fällen sofort eine Einschätzung der Situation vor, suchen nach Hintergründen, Aufenthaltsorten. Spezialisten ergründen die Struktur des Falls. Die Ermittlungen ergaben, dass das Mädchen, obwohl sie in Mainz lebt und zur Schule geht, ihren Aufenthaltsmittelpunkt eher in Wiesbaden hat. Daher wurde der Fall am Mittwoch, 30. Mai, von der Mainzer an die Wiesbadener Polizei übergeben.

In der Zwischenzeit gingen die Mutter und andere Angehörige des Mädchens in die Offensive, wurden in den sozialen Netzwerken aktiv. Die Mutter postete seit dem 24. Mai mehrere Beiträge an jeweils unterschiedliche Adressaten – sowohl an die verschwundene Tochter als auch an Freunde und Bekannte, Politiker und die Polizei.

Im ersten Post vom Donnerstag, 24. Mai, heißt es unter anderem: „Ich bete und hoffe nur, dass ihr nichts Schlimmes zugestoßen ist. (…) Bitte helft mir, meine Tochter wieder heil zu finden.“ Der Beitrag wurde bei Facebook über 107 000 Mal geteilt. Einen Tag später wandte sie sich direkt an ihre Tochter: „Gib mir bitte wenigstens nur ein kurzes Lebenszeichen von dir.“ Man habe sich doch meistens gut verstanden.

Zu mutmaßlichen Hintergründe des Verschwindens hielt sich die Polizei während der ganzen Zeit bedeckt. Sie ist aus ermittlungstaktischen Gründen zurückhaltend, wenn Teenager verschwinden. Das ist keine Seltenheit, oft sind private oder Schulprobleme, ein schwieriger Freundeskreis oder Familienstreitigkeiten der Grund. Ähnliches vermuteten auch Angehörige und Bekannte zunächst bei Susanna F.

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Nachdem die Wiesbadener Polizei den Fall übernommen und die Suche intensiviert hatte, meldete sich die Mutter bei Facebook am Folgetag nochmals zu Wort und erhob Vorwürfe gegen die Polizei: Sie fühle sich im Stich gelassen. „Es ist das allerschlimmste Gefühl auf der Welt, was einer Mutter passieren kann, nicht zu wissen, wo ihr Kind ist und ob es ihm gut geht.“ Erst auf Drängen ihrer Rechtsanwältin seien eine Handy-Ortung und eine öffentliche Fahndung veranlasst worden, kritisiert die Mutter in ihrem Post.

Pro Woche werden bei der Mainzer Polizei mehrere Jugendliche als vermisst gemeldet. Meist tauchten sie jedoch nach kurzer Zeit wieder auf, weil sie sich bei Freunden, Bekannten oder Verwandten oder im öffentlichen Raum aufgehalten hätten, sagt Rinaldo Roberto, Sprecher des Mainzer Polizeipräsidiums. Auch im Fall Susanna F. sei diese Überlegung anfangs eine Option gewesen.