Nachhaltigere Fleischproduktion made in Aßlar

Antje Kaps stattet ihren Ochsen regelmäßig einen Besuch ab.  Foto: Gert Heiland

Biolandwirtin Antje Kaps aus Aßlar setzt auf Viehhaltung, Futteranbau, Schlachtung und Vermarktung in einer Hand. Fleisch aus der Region und für die Region.

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ASSLAR-BERGHAUSEN. Der Blick von der Terrasse aus ist schon toll. Er geht weit über Berghausen und das Dilltal, über Wälder, Felder, Wiesen. Ja, er ist schön, sagt Antje Kaps, "wenn man nur Zeit hätte, ihn öfter zu genießen".

Der Agrarwissenschaftlerin bleibt mit ihrem Vollerwerbsbetrieb dazu wenig Muße. Zumal es sich um einen Bio-Betrieb handelt, der etliche Auflagen erfüllen muss. Was sie gerne tut, denn Kaps setzt für ihre 180 Hektar Grünland und knapp 120 Tiere auf ökologische, nachhaltige und regionale Bewirtschaftung.

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Und da muss sie ran, ist aber heilfroh, dass sie auf ihre rechte Hand Ingo Theiß und ab und an auf dessen Sohn zählen kann. Denn ihr Mann Christian ist in seinem Sporthaus gefordert, die drei Töchter haben sich anders orientiert. Obwohl: Mathilda macht den Traktorführerschein und könnte in ihre Fußstapfen treten, hofft die 50-Jährige.

Arbeit ist genug da. Da müssen allein 140 Hektar Wiesen, verteilt in Aßlar, gemäht werden, was sie dieses Jahr nur zweimal tun, wegen der hohen Spritpreise. Und es gibt die Rinder. Übrigens: Nicht alle haben einen Namen, manche schon, etwa der verschmuste Harald, der mit seinen Kumpels im großen Offenstall zu Hause ist - und gut gefüttert wird; man ahnt warum. Ein paar Kilometer weiter entspannen auf einer Weide angehende Muttertiere - sofern denn der Herr dieses Harems, ein Limousin-Bulle, auch seine Pflicht getan hat.

Alles begann mit 400 Mutterschafen

Dabei hat für die tatkräftige Frau alles mit Schafen begonnen. 400 Mutterschafe waren es zuletzt, mit denen sie zum Beispiel ein Naturschutzgebiet in Niederlemp gepflegt hat. Antje Kaps hatte die Herde von ihrem Vater übernommen, aber die Haltung wurde immer schwieriger. "Allein mit all den Tieren dort hinzukommen ...". Dazu kamen gesundheitliche Probleme, sodass die Schafe 2019/20 abgeschafft wurden.

Parallel gab es da eine kleine Herde von 16 Kühen. Kaps sattelte um. Heute sind es rund 120. Die Kälber werden nicht mehr verkauft, sondern behalten und gemästet - und halten nebenbei die Landschaft in Schuss.

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Mit sechs Monaten kommen sie von der Mutter weg und aus der Herde, die Kuh wird dann wieder trächtig, und werden in einer "Kindergartengruppe" gehalten, es sind so um die 20, 30 Tiere.

In einem gewissen Alter bleiben etwa die Ochsen meist im Offenstall und werden gefüttert. "Wir füttern nur Gras und Heu, als Silage, vom eigenen Land." Ausnahme ist Mineralfutter. "Wie das eben früher so war." Früher war es auch so, dass Tiere mit einem akzeptablen Schlachtgewicht beim örtlichen Metzger landeten. Und ihre Familie hatte die Metzgerei im Ort. 2014 wurde sie stillgelegt. Was blieb, war ein Riesengebäudekomplex, der unterhalten werden muss.

Eines ergab das andere. 2021 trennte Antje Kaps das Schlachthaus ab und begann zu schlachten - oder besser ihr Metzgermeister Theiß übernimmt das. Seitdem schlachten sie regelmäßig für Metzger Rudi Krauß im Eins A in Aßlar, der das Bioland zertifizierte Fleisch anbietet. Außerdem schlachten sie für andere Biobetriebe in Dillheim, Leun, Tiefenbach, Lützellinden.

Somit bleibt alles im Sprengel. Die Tiere haben keine langen Transportwege zum Schlachthaus und sie haben keinen Stress, weiß Kaps. Sie kennen "ihre" Menschen, kennen den Anhänger, gehen freiwillig hinein für die letzte Reise. Manches Mal, gesteht die Landwirtin, habe sie schon ein schlechtes Gewissen.

Subventionen sinken, die Auflagen bleiben

Freilich, das Konzept - Haltung, Futterversorgung, Transport, Schlachtung, Vermarktung im engen Umkreis- hat auch Nachteile: die Kosten. "Ohne Subventionen kann kein Landwirt überleben", sagt sie. Aber von der EU werde "unglaublich viel zusammengestrichen". So fiel jüngst die Zuwendung für die Bewirtschaftung sogenannter schwieriger Gebiete für Berghausen und Werdorf weg. Dabei sei das Arbeiten hier in den Hügeln etwas anderes als in der flachen Wetterau. Einerseits. Andererseits blieben hohe Auflagen für Biobetriebe. Kaps darf zum Beispiel keinen Mist ausbringen. Den gibt sie an Nebenerwerbslandwirte ohne Tiere ab und bekommt dafür das Stroh von deren Feldern. Dennoch müsse sie zukaufen, denn ihre Tiere stehen auf Stroh und nicht auf Spaltenböden. Indes: Aktuell werde ihr Mist immer begehrter, denn Dünger wird knapp. Schuld ist der Ukraine-Krieg.

Was ihr auch am Herzen liegt, ist, den Menschen zu erklären, dass die schöne Landschaft ringsum, durch die man so gerne wandert und sie genießt, nicht unwesentlich Landwirten und ihren Tieren zu verdanken ist, die sie pflegen und etwa vor der Verbuschung bewahren. Dieser Mehrwert für die Gesellschaft sollte auch honoriert werden, findet sie. Engagement ist das eine, das Geld das andere. Da könnte doch das Sporthaus helfen ...? "Nein", sagt Antje Kaps vehement, das vermische sie nicht. Daher lautet ihr Fazit: "Wenn ich merke, das funktioniert nicht mehr, dann höre ich auf."