Rundfahrt durch den „Freistaat Flaschenhals“

Am Lorcher Bahnhof erwarten Ausflügler die Dampflok von 1934, die einen 60er-Jahre-Zug durch das Rheintal schleppt. Foto: Heinz Margielsky

100 Jahre nach Ausrufung des „Freistaats Flaschenhals“ ist eine Dampflok entlang der Gebietsgrenzen unterwegs gewesen. 450 Ausflügler genossen die Rundfahrt mit allen Sinnen.

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LORCH. An der Strecke immer wieder Fotografen, die ein einmaliges Ereignis im Bild festhielten: eine Dampflok von 1934, die einen 60er-Jahre-Zug durch das Rheintal schleppte. Dabei ließ die Lok immer mal fröhlich ihr Signalhorn erklingen. Im Zug 450 Ausflügler, die eine Rundfahrt entlang der Grenzen des „Freistaats Flaschenhals“ mit allen Sinnen genossen. Das kam nicht von ungefähr, gehören der Initiative Freistaat, die ein kurioses Kapitel deutscher Geschichte wachhält, doch ein halbes Dutzend Rheingauer Winzer an. Die schenkten den Reisenden mehr als sieben Stunden lang großzügig ein.

17 000 Menschen lebten in dem vogelfreien Gebiet

„Freistaat Flaschenhals“ deshalb, weil das „Staatsgebiet“ – auf der Karte betrachtet – genau danach aussieht. Der roséfarbene „Secco“ mit Freistaat-Etikett perlte im Glas, Studenten der Uni Mainz zogen von Abteil zu Abteil, um den Genussreisenden vom Jahr 1919 zu berichten. Hundert Jahre sind seit dem Waffenstillstand von Compiègne vergangen. Das linke Rheinufer wurde von Amerikanern und Franzosen besetzt. Die Franzosen benutzten einen Zirkel, um die Gebiete aufzuteilen. Dabei blieb das Gebiet in Form eines Flaschenhalses übrig, der keiner Seite zugeordnet wurde.

Studentin Lena Neu las den Reisenden das Husarenstück vom requirierten Kohlenzug vor, der unter den Augen der französischen Besatzer aus ihrem Gebiet verschwand. Seine Fracht wurde im Freistaat im Winter 1919 unter den frierenden Einwohnern Lorchs, Lorchhausens und Kaubs verteilt. Rund 17 000 Menschen lebten in dem vogelfreien Gebiet – allein auf sich gestellt.

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Der Sound der Dampflok, die Bilder der vorüberziehenden Rheinlandschaft und das Eintauchen in die Geschichte gehörten zu den emotionalen Genüssen mit sieben hervorragenden Weinen, darunter eine Lorcher Spätlese aus dem Weingut Rößler. Winzer Michael Rößler hatte die Reisenden auf dem Lorcher Bahnsteig mit Proviant versorgt. In großen Tüten steckten Weck, Worscht und Weingläser zum Umhängen.

Im Zug unterhielt sich schnell jeder mit jedem. Ein Ehepaar aus Kiedrich erzählte, wie es sich habe beeilen müssen, um noch Karten für den historischen Zug zu bekommen. Wenige Tage nach der Ankündigung der Nostalgiefahrt waren nämlich alle Plätze weg. Weil sich die Initiative Flaschenhals entschloss, zwei zusätzliche Wagen anzuhängen, gab’s für die Kiedricher aber noch Fahrkarten. Die knipste auf Wunsch Nils Friton (in Schaffneruniform) ab, der im echten Leben bei der Telekom arbeitet. Weinprinzessin Mara aus Lorch half beim Flaschenausteilen. Herumgereicht wurden Originale des Flaschenhals-Geldes: Zehn-, Fünfundzwanzig- und Fünfzig-Pfennig-Scheine, in einer Lorcher Druckerei gedruckt.

Zweimal wurde die Dampflok vom Zug abgekoppelt: Sie fuhr jeweils ein paar hundert Meter zum Wassertanken. Entlang der Gleise fehlt es mittlerweile an der notwendigen Infrastruktur für die technischen Kulturdenkmäler. Oben auf dem Führerstand der Dampflok befanden sich nicht nur ein Lokführer und ein Heizer vom Verein der Historischen Eisenbahn Frankfurt, sondern auch eine junge Dame, die normalerweise einen ICE nach Paris dirigiert. Nostalgie – ganz sicher.

Auf der linken Rheinseite ging es bei Bingerbrück über die Nahe, der Binger Mäuseturm zog vorüber, dann die Pfalz bei Kaub. An der Zollburg vorbei schwamm der „Raddampfer Goethe“ mit aufgemalten Schaufelrädern. In jedem Tunnel wurde es dunkel in den Abteilen, denn mit der Beleuchtung hatten es die alten D-Züge nicht so. An allen Zugabteilen vorbei spazierte Pascal Bérard, mit französischem Fähnchen in der Hand und Strohhut: Er ist der Urenkel des Generals de Castries, der beim Zirkelschlag um Mainz das kleine Gebiet am Rhein unbesetzt ließ. Bérard zur Nostalgiefahrt: „Unübertrefflich. Und wunderbarer Wein. Wo es den gibt, da lässt es sich leben.“ Auf die Frage, wo er derzeit wohne, antwortete er: „In Mayence.“ Mainz auf Französisch.