Gin-Brenner bereichern historische Initiative bei Lorch

Neue Bürger im Freistaat Flaschenhals (von links): Jesse und Brigitte Nies, Raik Schrumpf, Michael Holdinghausen und Peter Josef Bahles. © Thorsten Stötzer

Die Initiative soll an den bis 1923 existierenden Freistaat im Rheingau erinnern. Sie wollen die Geschichte des Ortes aufrechterhalten, der bald sein Jubiläum feiert.

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LORCH. Im Freistaat Flaschenhals geht das Hochprozentige nicht aus. Innerhalb der Initiative deckte bisher das Weingut Bahles aus Kaub mit Tresternbränden aus seiner Brennerei dieses Segment mit ab, nun kommt Lorcher Gin hinzu. Dieser Schritt ist folgerichtig, nennen die „Bottleneck Distillers“ Michael Holdinghausen und Raik Schrumpf ihr Produkt doch „Free State Bottleneck Gin“. Nun sind sie Mitglieder geworden in der 1994 gegründeten „Initiative Freistaat Flaschenhals“.

Freistaat existierte bis 1923

„Das ist eine Bereicherung“, freut sich Peter Josef Bahles (senior) als heutiger Präsident des Freistaates, der nach dem Ersten Weltkrieg tatsächlich existierte und am Rhein Lorch, Lorchhausen und Kaub umfasste. Weitere Betriebe seien an der Aufnahme interessiert, wird angedeutet im Vorfeld eines markanten Jubiläums. Am 25. Februar 1923 marschierten französische Truppen im Flaschenhals ein, der so ein vorläufiges Ende erlebte. Der 100. Jahrestag soll mit einer Veranstaltung gewürdigt werden.

Die Initiative stellt sich vor, wie bei der Gründung 1994 zu einer musikalischen Weinprobe einzuladen. Wissenswertes und mitunter unbekannte Anekdoten, die zumindest aus heutiger Sicht lustig klingen, sollen die Historie lebendig erhalten. Als Schauplatz ist das Bürgerhaus in Lorch im Blick. „Einen Termin müssen wir noch festlegen für die Zeit zwischen Fastnacht und Ostern – dann machen wir eine Ausnahme vom Fasten“, sagte Bahles. Dazu soll ein „Besatzungswein“ als Cuvée abgefüllt werden.

Winzer in der Region beteiligen sich an der Initiative

Die Winzer werden bald Gelegenheit haben, einen „Befreiungswein“ folgen zu lassen, denn schließlich räumten die Franzosen im Oktober 1924 den Flaschenhals wieder. Vier Weingüter halten derzeit das Erbe in der Initiative hoch, nämlich Rößler (Lorch), Germersheimer (Lorch), Nies (Lorchhausen) und Bahles (Kaub). Alle besitzen einen eigenen Ausschank. Dazu kommen die Hotel- und Restaurationsbetriebe Schulhaus (Lorch), Deutsches Haus (Kaub) und „Zum Turm“ (Kaub).

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„Wir sind geschrumpft in 28 Jahren“, räumt Bahles ein. Einige Mitglieder von einst hätten sich anders orientiert oder ihre Türen geschlossen. Umso willkommener sind die „Bottleneck Distillers“ als erste reine Brennerei in der Initiative. Die beiden Inhaber experimentieren gerade mit Schlehen-Zusätzen im Gin. Dazu haben sie ihr Absatzgebiet erweitert um einige Gaststätten und Vinotheken in der Region. Auch im Rewe-Markt in St. Goarshausen ist ihr Getränk mit 43 Prozent Alkohol zu haben.

Die Winzer erinnern ebenfalls auf Etiketten an den historischen Freistaat oder organisieren zum Beispiel Wanderungen mit einem Flaschenhals-Motto. „Jeder Mitgliedsbetrieb kann den Begriff nutzen“, erklärt Jesse Nies, der für Samstag, 19. November, beispielsweise eine Lesung mit Andreas Arz vorbereitet. Nach dem Treffen um 14 Uhr am Weingut geht es in die Weinberge zu Glühwein und Riesling-Stollen. Arz wird neue Geschichten lesen und Abschnitte aus „Die Rache im Flaschenhals“.

Wichtig sind für die Initiative zudem die „Reisepässe“ in zwei Kategorien, die zu einer imaginären doppelten Staatsbürgerschaft verhelfen, mit Privilegien bei Weinkauf und Übernachtungen bis hin zum Menü an verschiedenen Stationen. Mit der Historikerin Stephanie Zibell hat Peter Josef Bahles 2009 ein Buch über den Flaschenhals verfasst. „Die Auflage von 3000 Exemplaren ist fast verkauft“, berichtet er.