Wie der Rheingau-Taunus sich auf einen Blackout vorbereitet

aus Energiekrise

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Patienten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, deren Leben von Maschinen abhängt, gehören zu den ersten Opfern eines Stromausfalls.       Symbolfoto: dpa

Wenn der Strom längere Zeit ausfällt, ist mit Toten und schweren Schäden zu rechnen. Welche Maßnahmen der Kreis ergreift und wie Bürger für den Krisenfall vorsorgen sollten.

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RHEINGAU-TAUNUS. Es ist ein Horrorszenario: Bei einem flächendeckenden länger dauernden Stromausfall im Rheingau-Taunus wären binnen 96 Stunden mehrere Hundert Tote zu beklagen – vor allem Patienten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Das ist eines der erschreckenden Ergebnisse einer Analyse, die der Kreis bei der auf Blackouts spezialisierten Firma KomRe (siehe Info-Kasten) in Auftrag gegeben hat. Binnen 24 Stunden würden zudem Nutztiere sterben, Umspannwerke ausfallen und Wasserbehälter leerlaufen. Es wäre mit Plünderungen und zahlreichen Bränden zu rechnen, der wirtschaftliche Schaden würde mehrere hundert Millionen Euro betragen.

Folgen wären dramatischer als bei Gasmangel

Ein Blackout ist nach Einschätzung von Kreisbrandinspektor Christian Rossel derzeit das Katastrophenszenario mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Zwar bereitet sich der inzwischen neu strukturierte Krisenstab im Kreishaus auch auf eine Gasmangellage vor – doch die wird längst nicht so schnell so drastische Folgen haben wie ein Stromausfall. Der werde immense Schäden verursachen und hätte fast unabsehbare Folgen für alle Bewohner, macht Rossel deutlich.

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Denn ohne Elektrizität funktioniert nichts mehr. Als Erstes würden Internet, Festnetztelefonie und Heizungsanlagen ausfallen, unabhängig vom Brennstoff. Wenig später wäre auch das Mobilfunknetz tot, gefolgt vom Ausfall des Digitalfunks. Wie lange Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Wasserver- und -entsorgung noch funktionieren würden, hänge von deren jeweiliger Ausstattung ab. An Tankstellen gäbe es keinen Sprit mehr, die Kühlung von Lebensmittel fände nicht mehr statt, auch elektronische Geld- und Bezahlsysteme fielen aus.

Klar ist für Rossel eines: „Wir können nicht die Stromversorgung im Kreis sicherstellen.“ Um Vorsorge für solche Krisenfälle zu treffen, sei die Eigenverantwortung jedes Bürgers gefragt. Dieser solle sich mit Vorräten an Lebensmitteln und Trinkwasser auf eine Krisensituation vorbereiten. Der Kreis kümmere sich darum, dass im Krisenfall der Katastrophenschutz und die Verwaltung funktionieren. Nur so könnten Hilfen koordiniert werden, weshalb die Einrichtung entsprechender Strukturen zu den dringendsten Handlungsempfehlungen gehört, die aus der Analyse hervorgehen.

Damit die Krisenstäbe im Kreishaus überhaupt arbeiten können, braucht es Strom für Server und satellitengestützte Kommunikationssysteme. Das derzeit bereits vorhandene Notstromaggregat im Keller des Kreishauses hat eine Leistung von ungefähr 200 Kilowatt. Mit der Reserve von 1000 Litern Diesel könnte es 16 Stunden im Dauerbetrieb laufen. Kraftstoffe brauchen aber auch Polizei, Feuerwehren und Rettungskräfte – auf mehrere 10.000 Liter pro Tag beziffert Rossel den Bedarf. Die „Betriebsmittelsicherheit“ steht deshalb für ihn an erster Stelle. Derzeit liefen Verhandlungen mit Heizöl-Lieferanten, die im Krisenfall den wichtigen Treibstoff bereitstellen sollen.

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Mit dem werden dann auch die Feuerwehrgerätehäuser versorgt. Mehr als 100 gibt es davon im Kreis, etwa ein Drittel ist bereits mit Notstromaggregaten ausgerüstet, weitere sollen folgen. Sie werden im Krisenfall besetzt und sollen als Anlaufstelle für die Bürger fungieren.

Katastrophenschutz soll aufgestockt werden

Schon jetzt ist klar: Die Vorbereitungen werden Geld kosten. Bei den anstehenden Beratungen für den Haushalt 2023 will Landrat Frank Kilian (parteilos) deshalb nicht nur weiteren Stellenbedarf, sondern auch Mittel für die Anschaffung von Material anmelden. Auch im laufenden Jahr steht Geld zur Verfügung. „Diese Ausgaben sind unabweisbar – was notwendig ist, werden wir beschaffen“, versichert Kilian. Der Fachdienst Katastrophenschutz soll um weitere neun Stellen aufgestockt werden. Drei davon allein, um Maßnahmen des Zivilschutzes zu organisieren. Ebenfalls in Arbeit ist eine weitere Bestandsaufnahme der vorhandenen Ausstattung, aus der dann weiterer möglicher Bedarf abgeleitet werden soll.

Über die Ergebnisse der Kurz-Analyse hat Kilian Anfang der Woche nicht nur den Kreisausschuss und die Mitglieder des Finanzausschusses informiert, sondern auch die Bürgermeister aller 17 Kreis-Kommunen. Sie sind nun aufgefordert, vor Ort ihre kritische Infrastruktur zu prüfen. Dazu gehören vor allem die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung. Für beides werden in der Regel mit Strom betriebene Pumpen benötigt. Und wenn die ausfallen, fließt schon bald kein frisches Wasser aus dem Hahn und kein Schmutzwasser ab.