Probenbühne: Halvor Bollers neues Stück „Wer bin ich?“...

Halvor Boller ist bei seinem Stück „Wer bin ich?“ nicht nur Autor, sondern auch Regisseur und Schauspieler.Foto: wita/Martin Fromme  Foto: wita/Martin Fromme

„Wie kann man auch so bescheuert sein, seinen eigenen Weg gehen zu wollen?“ Das sagt der namenlose Protagonist von Halvor Bollers neuem Stück, aber da ist er – und das...

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STRINZ-MARGARETHÄ. „Wie kann man auch so bescheuert sein, seinen eigenen Weg gehen zu wollen?“ Das sagt der namenlose Protagonist von Halvor Bollers neuem Stück, aber da ist er – und das Stück – schon ganz am Ende. „Wer bin ich? Wer bin ich? Wer bin ich?“ hat der Künstler aus Strinz-Margarethä es genannt. Es ist, wie oft in der kleinen Scheune, eine One-Man-Show: Hausherr Boller ist nicht nur sein eigener Autor, sondern auch Regisseur (mit Unterstützung seines alten Freundes Klaus-Dieter Köhler) und vor allem Schauspieler.

Auf der Suche nach einer sinnstiftenden Arbeit

Er schlüpft in die Rolle eines Mannes auf Arbeitssuche. Der schlägt natürlich zuerst beim Arbeitsamt auf und erlaubt sich, Ansprüche anzumelden. Nicht materieller Art, sondern ganz anders: Er möchte „den Menschen etwas geben“ – durch seine Arbeit.

Das soll es ja tatsächlich geben, dass Arbeit auch sinnstiftend sein kann und die Kommunikation zwischen Menschen verbessern kann. Und so möchte der Mann nicht, wie von seinem Fallmanager vorgeschlagen, Kontrolleur bei den städtischen Verkehrsbetrieben werden, „ich will niemanden kontrollieren müssen“, sondern lieber Schaffner sein. Ein Schaffner, der immer die gleiche, kleine Tour fährt, Fahrkarten verkauft oder abstempelt, Menschen kennenlernt, die täglich die Bahn benutzen. Aber das geht nicht.

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Also selbstständig machen? Mit einem kleinen Laden, wo man sich trifft, gute Sachen einkaufen kann, Kindern mit einem Bonbon eine Freude macht, auch mal anschreiben lässt? Nachdem er seine Idee ausführlich dargelegt hat, wird er nur belehrt, dafür sei man jetzt hier nicht mehr zuständig.

Daraufhin gerät der Mann an einen windigen Berater, der ihn mit den gesammelten Werbeslogans der siebziger Jahre beschallt, an einen Bürokraten, der ihn mit Formularen zuschmeißt. Und am Schluss sehen wir ihn mit Bierflasche – „die hab ich geklaut“ – und mit Plastiktüte in einem kaputten Wollpullover, wie er mit seinem eigenen Spiegelbild ins Gespräch kommt.

Ganz unten angekommen, fertig mit den Nerven

„Wie kann man auch so bescheuert sein, seinen eigenen Weg gehen zu wollen?“ Da ist er ganz unten angekommen, gescheitert, fertig mit der Welt und mit den Nerven. Aber das interessiert niemanden mehr, sogar das Spiegelbild verschwindet. Übrig bleibt, wie schon am Anfang erklungen, das todtraurige Lied vom „Leiermann“: „Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann, und mit starren Fingern dreht er, was er kann. Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her. Und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer.“ Das jedoch singt Halvor Boller dann mit einer roten Clownsnase, er malt sich Schminke ins Gesicht.

Ein Zeichen, dass man trotz allem nicht aufgeben darf, den Humor behalten muss? Das ist natürlich alles andere als einfach in dieser Arbeitswelt, die immer öfter Maschinen den Vorzug vor menschlicher Arbeitskraft gibt. Schließlich braucht man gar keinen Schaffner mehr, „das macht heute doch der Fahrkartenautomat“, wird unserem Mann beschieden. Und einzelne Schicksale sind kaum noch etwas wert, jeder muss sich in ein Schema pressen lassen, sich arrangieren, will er nicht abstürzen.

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Eindringlich nimmt Halvor Boller sein Publikum in der (noch etwas kühlen) Scheune auf die Reise nach ganz unten mit. In der mittlerweile zehnten Saison des Strinzer „Kartenhausensembles“ steht sein Stück noch einige Male auf dem Plan. Die nächsten Termine sind am 6., 27. und 28 April. Außerdem wird das Bühnenjubiläum gebührend gefeiert – dann, wenn es hoffentlich ein bisschen lauschiger und wärmer ist.