Geisenheim bekommt weitere Stolpersteine

Im Jahr 2015 hat Gunter Demnig die ersten Stolpersteine in Geisenheim verlegt. Archivfoto: Heinz Margielsky
© Archivfoto: Heinz Margielsky

Der Künstler Gunter Demnig wird im Sommer in Geisenheim vier weitere Stolpersteine verlegen – und eine Stolperschwelle, die an Zwangsarbeiterinnen erinnern soll.

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GEISENHEIM. Sie bringen die Menschen gedanklich aus dem Tritt und regen zum Nachdenken an: die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Eingelassen ins Trottoir oder die Straßen vor den Häusern von Opfern des nationalsozialistischen Terrorregimes, sollen sie an die ermordeten oder vertriebenen früheren Bewohner erinnern und ihnen einen Namen geben.

In Geisenheim finden sich seit Oktober 2015 insgesamt zwölf der Steinquader mit der markanten Messingplakette. Nun sollen weitere folgen. „Gunter Demnig wird am 9. August vier Stolpersteine und eine Stolperschwelle verlegen“, berichtete unlängst Susanne Göttel-Spaniol in einem Pressegespräch. Die frühere Stadtverordnetenvorsteherin, die nach wie vor dem Geisenheimer Stadtparlament angehört, ist Vorsitzende der neun Mitglieder zählenden Arbeitsgemeinschaft (AG) „Stolpersteine“.

Die breitere Stolperschwelle samt Inschrift soll quer über den Bürgersteig in der Nähe des Orts verlegt werden, an dem sich einst in Geisenheim eine Außenstelle des Konzentrationslagers (KZ) Natzweiler-Struthof (Elsass) befand. Heute erinnert nichts mehr an die Baracken, die zwischen Bahn, Winkeler Straße und Aral-Tankstelle gelegen waren. Hier waren ab Dezember 1944 mehr als 200 jüdische Zwangsarbeiterinnen aus Ungarn und Polen interniert, um die kriegswichtige Rüstungsproduktion in der Maschinenfabrik Johannisberg beziehungsweise einer Fertigungsstätte von Krupp aufrechtzuerhalten.

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„Beispiel dafür, wie schnell Dinge vergessen werden“

In dem Lager sollen laut dem Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen „vergleichsweise humane Bedingungen“ geherrscht haben. Im März 1945 war damit Schluss. Die SS räumte die Außenstelle, und die Zwangsarbeiterinnen mussten einen siebenwöchigen Marsch zum Dachauer Außenkommando München-Allach antreten. Auf dem Weg dorthin waren mehrere erschöpfte Frauen erschossen worden, andere wurden in Allach schwer misshandelt, wie Lothar Bembenek in einem Aufsatz schrieb. Von einem „Todesmarsch“ sprach der Historiker Walter K. Hell, der auch der AG angehört. Die Überlebenden wurden schließlich im Mai von den Amerikanern befreit.

Für AG-Mitglied Oliver Mathias, ebenfalls Historiker und Mitarbeiter der Stadtverwaltung, ist das Geisenheimer Lager ein „typisches Beispiel dafür, wie schnell Dinge in Vergessenheit geraten können“. So gebe es zu dem Thema nur wenige Informationen und Bilder in schlechter Qualität. Was es an Wissenswertem zu dem Thema gibt, soll eine Infotafel neben der Gedenkschwelle verraten.

Die Stolperschwelle schlägt samt Verlegung mit rund 1000 Euro zu Buche, ein Stolperstein jeweils mit 125 Euro. Insgesamt werden laut Göttel-Spaniol rund 1500 Euro benötigt, die aus Spenden finanziert werden sollen. Die einst von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzte AG verfügt schon über einen Grundstock von 1000 Euro: Er besteht aus den Sitzungsgeldern, auf die die AG-Mitglieder verzichten, und aus weiteren Spenden, etwa der evangelischen Kirchengemeinde. Was die Infotafel angeht, so hofft Göttel-Spaniol auf eine Finanzierung aus dem Stadtetat.

Die vier Stolpersteine sollen vor dem Anwesen Taunusstraße 15 verlegt werden und an die früheren Bewohner jüdischen Glaubens erinnern: Den Betreiber einer Metzgerei, Isaak Löwenthal, und seine Frau Lisette, die beide 1945 im Vernichtungslager Treblinka starben, an die 1944 im KZ Stutthof umgekommene Tochter Selma Neufeld und an deren 1944 in Auschwitz ermordeten 15-jährigen Sohn Werner.

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Darüber hinaus plant die AG die Verlegung weiterer Stolpersteine: für den Arzt Dr. Nathan (Winkeler Straße 91), Liebmann, Lina und Alice Strauß (Kirchstraße 16) sowie Heinrich Ober (Prälat-Werthmann-Straße). Für ihre Recherchen zu weiteren Opfern des NS-Regimes bittet die AG die Geisenheimer um Hilfe, sprich: um Hinweise und Informationen (siehe Kasten). Bedauert wird in den Reihen der AG, dass es inzwischen kaum noch Zeitzeugen gebe. „Wir sind leider 20 bis 25 Jahre zu spät dran“, brachte es ein Mitglied auf den Punkt.