Rundgang durch Erbach auf den Spuren jüdischer Geschichte

Blickfang im Boden: Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die in der NS-Zeit ermordet, deportiert oder verfolgt worden sind. Foto: DigiAtel/Heibel
© DigiAtel/Heibel

Erbacher Erinnerungskultur: Der Historiker Sebastian Koch referiert zur Geschichte jüdischen Lebens im Rheingau.

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ERBACH. „Auch im Rheingau wird über die Stolpersteine geredet, was ein zentrales Anliegen des Künstlers Gunter Demnig ist, der mit ihnen ein dezentrales Mahnmal geschaffen hat, um eine Diskussion über den Holocaust zu entfachen. Wobei es auch Einwände gegen diese Erinnerungsform gibt und nicht alle Juden diese befürworten.“ So stieg Historiker Sebastian Koch am Donnerstagabend vor rund 50 Gästen im Evangelischen Gemeindehaus Erbach in seinen Vortrag zum Thema „Jüdische Nachbarn im Rheingau – sichtbare Spuren und (ver)stumm(t)e Zeugen“ ein.

Er betonte, dass auch in Erbach bereits ein intensiver Prozess der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Leben stattgefunden habe. „Stolpersteine sind eine Erinnerungskultur, die Funktion ist sinnstiftend“, erklärte der Erforscher der jüngeren jüdischen Geschichte aus Fulda weiter. Eingeladen zu diesem Forum im Rahmen des Jahresprogrammes „Lehrhaus trifft Gemeindehaus“ hatte die Evangelische Kirchengemeinde Triangelis mit der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden.

Wie Koch aufzeigte, lässt sich die jüdische Geschichte im Rheingau bis ins Jahr 1634 zurückverfolgen. In Erbach liegt das erste Zeugnis 1643 vor. „Es gab mehrere Großfamilien, in Eltville die Familie Mannheimer, in Geisenheim die Familie Strauss und in Rüdesheim die Familie Levitta“, zählte der Historiker auf und markierte, dass es in Erbach neben Einzelpersonen auch zwei Familien gab: Ehrenstamm und Heyum, letztere eine recht weitverzweigte Familie von der es zur Zeit des Nationalsozialismus noch einige Mitglieder in Erbach gab. „Diese sind in der Shoa umgekommen. Die Stolpersteine hier außerhalb der Kirche legen Zeugnis davon ab“, informierte Koch dann später beim Rundgang an die Orte des Geschehens, mit Marktplatz und Hauptstraße, an dem auch Nachkommen aus der Gesamtfamilie Heyum teilnahmen, die ihren Stammbaum mitgebracht hatten.

Zuvor hatte Koch unter anderem auch darüber referiert, dass insbesondere der Weinhandel eine Domäne der Juden war. „Die Forschung geht davon aus, dass der Marktanteil der jüdischen Händler bei über 70 Prozent lag“, so Koch und unterstrich: „Das deutsche Weingeschäft wäre ohne die internationalen Kontakte der jüdischen Weinhändler, ohne ihre Fähigkeit den Rheingauer Wein auf den amerikanischen Markt zu bringen und dort zu bewerben, nicht das geworden, was es heute ist.“ Wobei man auch davon ausgehen dürfe, dass das Verhältnis zwischen Weinbau und jüdischem Handel gut war. Belegen lasse sich das für die Weinbauverwaltung Kloster Eberbach, wo der dortige Weinbaudirektor 1935 von den Juden als gute Geschäftspartner sprach und sich noch im Jahr 1936 im goldenen Buch von Eberbach jüdische Namen finden.

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Ausschluss jüdischer Konkurrenz im Weinbau

Nach der beginnenden Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft stellte sich der Weinhandel als „fette Beute“ dar, führte der Historiker weiter aus und markierte: „Dies manifestiert sich in einem Brief von 25 Weinhändlern aus der Region, eigenhändig unterschrieben, an die Weinbaudirektion Kloster Eberbach. Hier verlangen sie den Ausschluss der jüdischen Konkurrenten von den Versteigerungen in Eberbach, ansonsten würde man die Auktionen boykottieren.“ In der Folge wechselten viele jüdische Weinhandelsgeschäfte den Besitzer, wie Koch zudem wissen ließ und final unterstrich, dass auch der jüdische landwirtschaftliche Grundbesitz im Rheingau arisiert wurde. Sebastian Koch: „Immerhin 6,5 Hektar. Dabei dürfte es sich hauptsächlich um Weinberge gehandelt haben.“