Verdi-Requiem mit der Schiersteiner Kantorei, Martin Lutz und...

Klang-Symbiose aus Gesang und Instrumentalisten: Die Besucher bejubeln die Aufführung von Martin Lutz.Foto: Joachim Sobek  Foto: Joachim Sobek

Eine musikalische Großtat, eine Aufführung, die man so schnell nicht vergessen wird, ist der Schiersteiner Kantorei, Martin Lutz, dem sehr erweiterten Bach-Ensemble Wiesbaden...

Anzeige

WIESBADEN. Mit dunklem Raunen der tiefen Streicher und fast gesprochen wirkenden, stockenden Moll-Akkorden des Chores hebt das „Requiem aeternam“ bei Guiseppe Verdi an. Das Geheimnis des Todes klingt tragisch und rätselhaft. Wie ein gewaltiger Aufschrei fährt das „Dies irae“, der Tag des Jüngsten Gerichts, in die Totenruhe. Werden wir in heilloser Nacht versinken, oder wird uns das „Lux aeternam“, das ewige Licht, leuchten? Verdi lässt die Frage offen. Das schreckliche „Dies irae“ kommt immer wieder in dem anderthalbstündigen Werk. Mit einem fast panikartig flehenden „Libera me“, „befreie mich!“ beendet Verdi seine tief aufwühlende Auseinandersetzung mit dem Sterben.

Eine musikalische Großtat, eine Aufführung, die man so schnell nicht vergessen wird, ist hier der Schiersteiner Kantorei, Martin Lutz, dem sehr erweiterten Bach-Ensemble Wiesbaden und vier hervorragenden Solisten gelungen. Die über 40-jährige Ära von Martin Lutz geht langsam zu Ende. Nächstes Jahr wird er die Leitung der Schiersteiner Kantorei an Clemens Bosselmann übergeben. Zum Abschied macht er die Bachwochen zu einer Folge höchst eindrucksvoller Ereignisse. Am 25. November folgt dem Requiem nicht weniger gewichtig Beethovens „Missa Solemnis“ mit dem Bachchor, dann am 2. Dezember eine Vivaldi-Feier der Bergkirchen-Kantorei, bevor Lutz selbst mit dem Weihnachtsoratorium am 9. Dezember diesen großartigen Konzert-Zyklus abschließt.

Seine Verdi-Interpretation kann neben international berühmten Aufführungen ohne Weiteres bestehen. Lutz gibt der Musik Lebendigkeit, Wärme, erschütternde Intensität im Zarten wie in der Macht des großen Apparats. Er vermeidet dabei jede falsche Opernhaftigkeit (die man beispielsweise auf Youtube bei der Mailänder Scala hören kann). Liebe zu diesem Werk und Sachlichkeit der Darstellung werden eins. Damit erweist Lutz Verdi den besten Dienst, denn das Requiem ist in tief empfundener Frömmigkeit weit entfernt von jeglichen Theater-Leidenschaften, auch wenn es irdischen Ängsten und Nöten beredt Ausdruck gibt.

Chor singt kraftvoll und elastisch

Anzeige

Mit Demut vor dem Werk, aber großer Kraft des Tons stützen Jihyun Cecilia Lee (Sopran), Ursula Eittinger (Alt), Gustavo Quaresma (Tenor) und Klaus Mertens (Bass) die mustergültige Aufführung. Der Chor meistert kraftvoll und elastisch eine A-cappella-Fuge im Bachschen Modus, dialogisiert in starkem Gefühl mit den Solisten und geht in die Klang-Symbiose mit dem hervorragend eingestellten Orchester. Der größte Jubel in der voll besetzten Marktkirche gilt Martin Lutz, der für das Musikleben Wiesbadens Unschätzbares geleistet hat.

Von Dietrich Stern