„Ich bin der älteste Nachwuchsautor“

Pensionär Jochen Frickel hat einen Roman über die Villa Clementine geschrieben und über die Geschehnisse vor 130 Jahren.Foto: wita/Paul Müller  Foto: wita/Paul Müller

Es war ein spektakulärer Fall, der Wiesbaden ins Zentrum der Weltgeschichte rückte. Die serbische Königin Natalija, die sich von König Milan I. getrennt hatte, zog vor 130...

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WIESBADEN. Es war ein spektakulärer Fall, der Wiesbaden ins Zentrum der Weltgeschichte rückte. Die serbische Königin Natalija, die sich von König Milan I. getrennt hatte, zog vor 130 Jahren mit dem zwölfjährigen Kronprinzen Aleksandar in die Villa Clementine ein. Aber schon wenige Wochen später, am 13. Juli 1888, ließ der König seinen Sohn gegen den Willen der Mutter nach Serbien zurückbringen. Diese von Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Otto von Bismarck unterstützte Entführung ging als „Wiesbadener Prinzenraub“ in die Geschichte ein.

Brenzlige Situation für den Frieden Europas

„Ich habe vor vielen Jahren bei einer historischen Stadtführung in Wiesbaden von dem Prinzenraub gehört – seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen“, sagt Jochen Frickel, der sich gern mit einem Augenzwinkern als „Deutschlands ältesten Nachwuchsautor“ bezeichnet. Der 1946 geborene ehemalige IT-Fachmann hat bereits 2015 ein Buch veröffentlicht, einen Heimatkrimi über die früheren Ginsheimer Rheinschiffsmühlen („Die Kraft des Stromes“). Der neue Coup des spätberufenen Autors, der in Bischofsheim bei Mainz lebt, ist nun ein Polit-Thriller um den Prinzenraub. „Damit bleibe ich ja dem ausgehenden 19. Jahrhundert treu“, meint Frickel, der sich wundert, dass „noch nie jemand einen Roman über die Entführung des serbischen Kronprinzen geschrieben hat“. Er nennt sein im Roland-Reischl-Verlag erschienenes Buch nach dem Ort des Geschehens: „Villa Clementine“.

Welche Rolle spielt ein unterirdischer Gang?

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Gute Tipps habe er von Armin Conrad bekommen: Der frühere „3sat Kulturzeit“-Leiter hatte 2016 im heutigen Literaturhaus sein Drama „Wiesbadener Prinzenraub“ präsentiert – als szenische Lesung. „Er hat mich ermuntert, weiterzuschreiben“, erzählt Frickel, der in historischen Zeitungen und in der Landesbibliothek recherchiert hat: „Dort sind auch noch Originalschriften von Natalija zu finden.“ Schließlich habe der Ehekonflikt im serbischen Königshaus ja auch die politische Situation auf dem Balkan und den Frieden in ganz Europa gefährdet. Geschickt verbindet Frickel solche historisch verbrieften Details mit fiktiven Figuren und Handlungen – das lässt sich kaum auseinanderhalten. Und auch die Meldungen aus den damaligen Zeitungen klingen echt – obwohl sie es nicht alle sind, räumt der 72-Jährige verschmitzt ein.

So lässt er den Leser eintauchen in die damalige Zeit der Trinkkuren, Rheinfahrten und des nationalen Pathos und schildert mit viel Lokalkolorit das Leben in der noblen Kurstadt. Er zeigt aber auch die Nöte einer Mutter, die ihren Sohn nicht verlieren will. Was das alles mit einem Klatschreporter zu tun hat, der Jan Böhmermann nachempfunden ist, und welche Rolle ein unterirdischer Gang spielt, das muss man schon selbst lesen.

Zwei Jahre hat Jochen Frickel an „Villa Clementine“ geschrieben, „da wachsen einem die Figuren schon ans Herz“. Irgendwann, sagt er, „reden die mit einem“. Was auch immer sie ihm gesagt haben: Es hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass sie recht plastisch von ihm gezeichnet worden sind.

Und der Kronprinz? Das tatsächliche Ende der Geschichte reicht Frickel gern nach: Milan I. dankte 1889 ab und überließ seinem jungen Sohn den Thron – mit drei Regenten an seiner Seite. „Er hatte aber mit ihnen ein Abkommen, womit er auch weiter die Strippen ziehen konnte.“ Lange dauerte die Regentschaft von Aleksandar nicht: Er und seine Frau Draga wurden 1903 von einer Gruppe von Offizieren ermordet. Und Königin Natalija? Sie wurde später Regentin für ihren noch minderjährigen Sohn und missbilligte seine spätere Heirat mit Draga. Ihre ehemalige Hofdame wurde verdächtigt, ihren ersten Mann umgebracht zu haben. Unter ihrem Einfluss verbannte König Aleksandar die Mutter, die schließlich 1941 in Saint-Denis starb – über 50 Jahre nach dem legendären „Wiesbadener Prinzenraub“.