Memoiren eines Trump-Wählers auf Netflix

Vance (Owen Asztalos, links) und seine Mutter (Amy Adams) in einer Szene in dem Drama „Hillbilly Elegy“, das auf Netflix zu sehen ist. Foto: Cr. Lacey Terrell/Netflix

J.D. Vance erzählt in seiner Autobiografie „Hillbilly Elegy“ vom Aufwachsen in Amerikas zerrüttetem Arbeitermilieu. Verfilmung war in den USA ein Aufreger.

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. Streng genommen ist J.D. Vance, dessen Lebensbericht als Vorlage dieses Dramas diente, kein „Hillbilly“, also Hinterwäldler. Er wuchs in einer Industriestadt in Ohio auf. Seine familiären Wurzeln aber liegen in Kentucky im Appalachen-Gebirge, in dem sich viele schottische Einwanderer ansiedelten. Die „Mountain People“ blieben unter sich, auch dann noch als sie, wie Vance’s Großeltern, in die Städte zogen, um in der Fabrik zu arbeiten. Mit dem Niedergang der Stahlindustrie war es mit diesem bescheidenen Wohlstand vorbei. Vance beschrieb in seinen Memoiren, wie er es trotz unheilvoller Umstände schaffte, in Yale zu studieren, als Finanzmanager Karriere zu machen und seinem Clan loyal verbunden zu bleiben.

Vance (Owen Asztalos, links) und seine Mutter (Amy Adams) in einer Szene in dem Drama „Hillbilly Elegy“, das auf Netflix zu sehen ist. Foto: Cr. Lacey Terrell/Netflix

Die 2016 veröffentlichte Aufsteigergeschichte stieg zum Bestseller auf. Viele Kommentatoren sahen in der Schilderung eines zerrütteten Arbeitermilieus einen Hinweis auf die Spaltung des Landes in linksliberale Eliten und konservative Unterschicht, eine Erklärung für Donald Trumps überraschenden Wahlsieg.

Regisseur Ron Howard („A Beautiful Mind“) konzentriert sich auf wenige Schlüsselmomente in Vance’ jungem Leben. Beginnend mit einem Bewerbungsdiner, bei dem der Student angesichts undurchschaubarer Besteckhandhabung in Panik gerät, setzen sich, im Wechsel der Zeitebenen, Vance’ Erinnerungen zum Panorama einer Kindheit und Jugend in permanentem Ausnahmezustand zusammen.

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Die Hauptfigur (Owen Asztalos/Gabriel Basso) erscheint blass, schon weil der kleine Vance meist auf die Rolle des angespannten Beobachters des familiären Chaos’ beschränkt bleibt. Anders als im Buch kommen Männer vorrangig als abwesende oder alkoholisierte Erzeuger vor. Umso stärker treten die Frauen, denen er sein Buch gewidmet hat, in den Vordergrund: Großmutter „Mamaw“, ein krawalliger, oft unflätiger Schutzengel; die Mutter, Krankenschwester und Junkie; und seine verständnisvolle Mitstudentin und spätere Ehefrau.

Die Streiflichter auf sein individuelles Schicksal lassen sich auch als Veranschaulichung aktueller Armutsberichte, besonders der sich ausweitenden Drogenepidemie in den USA, interpretieren. Doch in der tiefenscharfen Beobachtung der widersprüchlichen Lebensrealität lässt das Drama soziologische Klischees hinter sich und bringt im Zuschauer etwas zum Klingen. Es hilft, dass Amy Adams als ausrastende Mutter und Glenn Close als großmütterlicher Drache und Familien-Anker stets die richtige Balance zwischen Ingrimm, Wahnsinn und Liebe finden.

Obwohl (oder weil) das Familiendrama mit seiner glatten Hollywoodästhetik kein Sozialporno ist und politische Botschaften peinlichst vermeidet, wurde es in den USA zum Aufreger. Denn Vance wird inzwischen als Trump-Parteigänger geschmäht. Im Film erscheint er als stiller Held, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, indem er für sich selbst die Verantwortung übernimmt und eine Opferhaltung vermeidet. Indirekt, so Kritiker, vermittle er, dass andere Unglücksraben selbst schuld an ihrem Scheitern seien. Tatsächlich spricht sich der reale Vance nicht gegen Hilfsprogramme aus, betont aber, dass Armut neben materieller Not eine nicht messbare geistige Komponente hat. So spricht er von einem „sozialen Virus“, das sich in Form von Gewalt und Fatalismus über Generationen überträgt. Und gerade in diesem interessanten Aspekt versagt die Verfilmung. Es fehlt der Geschichte an „Fleisch“, an der Einbettung in das gesellschaftliche Umfeld, an epischem Atem. Dass Vance’ Werdegang, obwohl er in einem luftleeren Raum stattzufinden scheint, dennoch so spannend ist, spricht indes für den Film.