Jonas Kaufmann eröffnet Wiesbadens „Musikherbst“

Meister ihres Fachs: Der Tenor Jonas Kaufmann und Lied-Spezialist Helmut Deutsch am Flügel im Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses. Foto: Marcel Lorenz

Der Startenor begeistert, begleitet von Altmeister Helmut Deutsch am Flügel, im Kurhaus mit einem Liedprogramm.

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WIESBADEN. Er kam, sang und siegte auf ganzer Linie: Statt mit kernigem Belcanto eroberte Startenor Jonas Kaufmann mit empfindsamen Lied-Gebilden seine überwiegend weiblichen Zuhörer beim Auftakt des „XIV. Musikherbst Wiesbaden“. Und sorgte im ausverkauften Wiesbadener Kurhaus für eine konzertante Sternstunde. Der Jubel kannte keine Grenzen, als Kaufmann final versprach, den Reinerlös des Liederabends für künstlerische und soziale Projekte seines Schwiegervaters Martin Lutz zu spenden, dem ehemaligen Leiter der Schiersteiner Kantorei und Begründer dieser alle zwei Jahre stattfindenden Konzertreihe.

Franz Liszt, Gustav Mahler, Hugo Wolf und Richard Strauss sind die von Kaufmann favorisierten Protagonisten des Liederabends. Dass der gefeierte Operntenor auch in diesem Genre zu trumpfen versteht, zeigt schon der Auftakt mit ausgewählten Liedern von Franz Liszt.

„Vergiftet sind meine Lieder“ – von der Geliebten, die er nach wie vor im Herzen trägt, fasst Heinrich Heine seinen Kummer in Verse, die Liszt in vehementer Akkord-Schräge zu kommentieren scheint. Ein hochdramatischer, noch opernmäßiger Einstieg des Sängers. Innig, ja sogar ein wenig verträumt dagegen „Im Rhein, im schönen Strome“. Denn Kaufmann hat für jede emotionale Situation die passende Stimmfarbe abrufbereit, durchlebt förmlich die seelischen Schieflagen und lässt dabei den geneigten Zuhörer mitleiden. Daneben ist er ein spannender Erzähler, etwa in der Goethe-Ballade vom „König von Thule“ oder in dem Lenau-Poem von den drei Zigeunern.

Doch selbst in diesen Liedern zeigt Liszt seine Innovationsstärke, ob im sperrigen Akkordgewoge oder im impressionistischen Glockenklang. Für den unauffälligen, aber effektvollen und überaus erfahrenen Begleiter Helmut Deutsch kein Problem, der vom Klavier aus Regie zu führen scheint, erhaben über jedweden Personalstil – auch in den „Fünf Liedern nach Gedichten von Friedrich Rückert“ von Gustav Mahler, vom Komponisten nicht als Zyklus angelegt, sondern allein mit dem Dichter als verknüpfendes Band.

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Doch schon in der gewählten Reihenfolge bringt Kaufmann die Lieder in eine Dramaturgie, vom Liebesbekenntnis bis hin zu ganz persönlicher seelischer Disposition, die im „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ kulminiert, einem Psychogramm, für das Kaufmann viele fahle, ergreifende Töne parat hat. Dabei rühren selbst die vom Pianisten Deutsch gedankenvoll ausgebreiteten Nachspiele noch an. Auch eine Spezialität des Mahler-Zeitgenossen Hugo Wolf, der schon in seinem Frühwerk, dem „Liederstrauß“ auf Gedichte von Heinrich Heine, in jene extremen Ausdruckswelten vorstößt, die Kaufmann besonders schätzt.

Sein Meisterstück liefert der Tenor mit den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss auf Texte von Hesse und Eichendorff. Vor allem beim „Abendrot“ mit seiner Todessehnsucht, im nachhaltigen Mezza voce gesungen und mit letzten Worten am Klavier, herrscht atemlose Stille im Thiersch-Saal. Ehe der Jubel losbricht und fünf Zugaben generiert. Von „Heimliche Aufforderung“ bis zur „Zuneigung“ allesamt Strauss-Lieder. Dazu hagelt es Blumen von Verehrerinnen – der Tenorissmo hat halt einen Schlag bei den Damen...

Von Klaus Ackermann