Erotische Nachhilfe im Klassenzimmer

Therapeutin statt FBI-Agentin: Gillian Anderson steht im Mittelpunkt der Netflix-Produktion „Sex Education“. Foto: Netflix

Aufklärung statt Alienjagd: In „Sex Education“ brilliert Gillian Anderson als verunsicherte Therapeutin. Zwei Staffeln gibt es bei Netflix, eine dritte ist angekündigt.

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. Es gibt viele wichtige Dinge, die man in einer guten Eltern-Kind-Beziehung offen besprechen kann. Das Thema Sex gehört eher nicht dazu. Dies liegt weniger an der aufgeklärten Elterngeneration denn am Nachwuchs, der zur Erhaltung seiner Privatsphäre in der Regel keine in die Horizontale gehenden Fragen mit seinen Erziehungsberechtigten am Frühstückstisch diskutieren möchte.

Therapeutin statt FBI-Agentin: Gillian Anderson steht im Mittelpunkt der Netflix-Produktion „Sex Education“. Foto: Netflix
Therapeutin statt FBI-Agentin: Gillian Anderson steht im Mittelpunkt der Netflix-Produktion „Sex Education“. Foto: Netflix
Therapeutin statt FBI-Agentin: Gillian Anderson steht im Mittelpunkt der Netflix-Produktion „Sex Education“. Foto: Netflix

In der Familie Milburn fällt der Apfel indes ein ganzes Stückchen weiter weg vom Stamm als in der Durchschnittsfamilie: Der jungfräuliche Otis ist das Paradebeispiel eines gehemmten Teenagers, der anders als seine Altersgenossen allerdings null Interesse an Sex hat und bereits mit Masturbation überfordert ist – und von den wohlmeinenden, aber indiskreten Fragen und Anregungen seiner Mutter somit erst recht. Denn Jean Milburn ist eine erfolgreiche Sextherapeutin und naturgemäß körperlichen Aktivitäten gegenüber weitaus aufgeschlossener als ihr pubertierender Sohnemann, dem Mamas wechselnde Liebhaber auf der Suche nach dem Badezimmer allmorgendlich ins Kinderzimmer platzen. In der Schule gilt Otis solange als ein Niemand, bis er als immerhin theoretisch bewanderter Experte einem Klassenkameraden aus einer erotischen Patsche hilft.

Die toughe Außenseiterin Maeve, ständig am Rand des finanziellen Ruins balancierend, wittert ihre Chance und zieht mit Otis eine inoffizielle Sexberatung an der Schule auf, die das Leben aller Beteiligten erwartungsgemäß gehörig durcheinanderbringt. „Sex Education“ ist eine Netflix-Eigenproduktion, die weit mehr auf dem Kasten hat, als dem „Sex-sells“-Prinzip zu huldigen. Selbstverständlich wird hier Klartext gesprochen, doch nackig machen sich die Protagonisten vorrangig auf der Gefühlsebene. So lernt Otis’ bester Freund Eric, seine Homosexualität offen auszuleben, und der zögerlichen Aimee gelingt es schließlich, sich gegen ihre dominante Mädchenclique durchzusetzen. Gelacht werden darf freilich dennoch und Schenkelklopfer gibt es zu Genüge, schließlich wird „Sex Education“ bei allen leisen Zwischentönen in der Comedy-Sparte geführt. Dass die Zuschauer die Nöte und Gedanken der Figuren trotz der noch so schlüpfrigen Details ernstnehmen, ist nicht zuletzt der mit vielversprechenden Newcomern gespickten Darstellerriege zu verdanken. Angeführt wird sie von bewährten Größen wie Asa Butterfield und einer ausgezeichneten Gillian Anderson als seiner Mutter, die konträr zu ihrem markigen Image hier zwischen beruflich implizierter Nonchalance und mütterlichen Selbstzweifeln taumelt anstatt als kernige FBI-Agentin paranormalen Erscheinungen nachzujagen oder als janusköpfige Psychiaterin gemeinsam mit ihrem Kannibalen-Kollegen Hannibal Lecter zu morden.

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Dabei wird nie so recht klar, ob „Sex Education“ nun eigentlich in Großbritannien spielt (schließlich ist es eine britische Produktion) oder doch in den USA – und die Zeitfrage wird durch den 80er-Jahre-Style in Kombination mit Smartphones ausgehebelt. Auf Netflix sind beide Staffeln von „Sex Education“ zu sehen; eine dritte Staffel wurde kürzlich angekündigt und wird vermutlich ab Januar 2021 zu sehen sein.