Norbert Kottmanns "Gethsemane"

Der Künstler Norbert Kottmann bei seiner Aktion ".. und er warf sein Antlitz zur Erde" auf dem Berg Gethsemane. Foto: Petra Wilhelms

Der Groß-Umstädter Künstler hat in Jerusalem Albrecht Dürers Zeichnung des verzweifelten Christus, der sich am Ölberg in einer Aktion nachvollzogen.

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GROSS-UMSTADT/AACHEN. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen: Der Spruch ist alt, aber sicher nicht überholt. Denn obwohl Norbert Kottmann, freier Künstler und Kunstlehrer an der Max-Planck Schule in Groß-Umstadt, für das Reisen in ferne Länder und vor allem fremde Kulturen wenig Sympathien hegt, wie er sagt, wurde die Pilger-Rundreise zu den biblischen Stätten in Israel vor drei Jahren zu einem Erlebnis, das seinen künstlerischen Widerspruchsgeist hervorrief - zur Inspiration aus dem Negativen heraus, wie man sagen könnte.

Das für ihn schlimme Erleben des modernen, touristischen Berges Gethsemane in Jerusalem und "das unglaubliche Erleben des paradiesischen Badens im Toten Meer, das heute eigentlich ein unheimlicher Ort in einer autonomen Zone ist", wurden für den bekennenden Christen Kottmann zu Orten von zwei gegensätzlichen Aktionen, die er in Fotografien festhalten ließ, dann bearbeitet und schließlich in der Größe von 1 mal 1,3 Meter in kleinen Auflagen herausgebracht hat. Jetzt ist das Doppel ".. und er warf sein Antlitz zur Erde" und "Auf dem Toten Meer (zwischen Himmel und Erde)" im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst Teil der Ausstellung "Bon Voyage! Reisen in der Kunst der Gegenwart" - auch dies eine Präsentation, die fertig aufgebaut, aber wegen Corona bis dato nicht eröffnet wurde.

Kottmanns Arbeiten aus dem Bestand des Hauses sind dabei Teil einer Themenschau, die Arbeiten von über 60 Künstlern vereint, darunter so große Namen wie Joseph Beuys, Marina Abramovic und Ulay oder A. R. Penck. Und man muss sagen: Genau in diese Ausstellung dürfte Norbert Kottmanns sehr individueller "Kommentar" des Pilger-Tourismus auch passen. Denn er bezog sich mit seiner Gethsemane-Aktion im Jahr 2017 auf eine Zeichnung Albrecht Dürers - und auf dessen Aachen-Besuch im Jahr 1520.

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Dürer traf sich dort auf seiner berühmten Reise in die Niederlande mit Kaiser Karl V., um den frisch gekrönten Herrscher dazu zu bewegen, seine Privilegien zu erneuern, die er mit dem Tod von Kaiser Maximilian I. verloren hatte - darunter das bis heute für jeden Künstler wichtige für Dürer erlassene Urheberrrecht, das dieser durch sein berühmtes Signum jedem seiner Blätter mitgegeben hat. Und an das Kaiser-Künstler-Treffen erinnert die Ausstellungs-Trilogie, zu der auch "Bon Voyage" gehört.

Auf Dürers Holland-Reise entstand 1521 aber auch "jene mich erschütternde, kleine Zeichnung", wie Norbert Kottmann in einer Erläuterung zu seiner eigenen Gethsemane-Aktion schreibt. Er hat das Blatt des Nürnberger Meisters in Frankfurt für sich entdeckt, wo es heute im Besitz des Städel ist: "Mit ausgestreckten Armen lag dort ein Mann, mit dem Gesicht zum Boden, wie eine Figur aus einem Stück für ,Moderne Tanzperformance', . . das lange Gewand, der kleine Engel mit dem Kelch links oben und die eingeschlafenen Apostel, allerdings wiesen das Bild zurück in jene bittere Stunde von Jesus im Garten von Gethsemane. Von allen Gefährten im Stich gelassen, spürt er den eiskalten Hauch des Todes und fleht zu seinem Gottvater " doch diesen Kelch an ihm vorbei ziehen zu lassen", . . "und er warf sein Antlitz zu Boden".

So der biblische Text und Norbert Kottmanns Erleben der ikonografisch singulären, "radikalen, herausfordernden" zeichnerischen Umsetzung durch den Nürnberger Meister. Und dann die eigene Israel-Reise: "Nun war ich selbst ein Teil dieser Masse, dieses Stroms und nun lag er da, der Garten von Gethsemane, . . Orients, der Ort begann sich aufzuladen." Erst bei der folgenden Selbstinszenierung im Sinne der modernen Aktionskunst, "die zehn Minuten gedauert und andere, nicht nur aus meiner Reisegruppe, auch befremdet hat, zumal einige über mich hinweggestiegen sind", habe er eigenen Erfahrungsraum wieder gewonnen und sich im Umfeld des Oliven-Gartens wieder geborgen gefühlt, sagt Norbert Kottmann: "Ich fühlte mich ihm nahe, ich bekam etwas zurück."

Von Annette Krämer-Alig