„Bohemian Rhapsody“ ist eine dramatische Revue der...

Szene aus dem Queen-Film. Foto: 20th Century Fox/ Rami Malek

Als Frontsänger der Band Queen wurde Freddie Mercury zur Ikone, der Regisseur Bryan Singer mit "Bohemian Rhapsody" jetzt ein filmisches Denkmal setzt. Unseren Kritiker hat der...

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MAINZ. Wer mal wieder die alten Hits von „Love of my Life“ bis „Radio Ga Ga“ hören will, wer die Story der Band „Queen“ in frischen Farben ausgemalt sehen will, der ist jetzt im Kino genau richtig.

Wer aber mehr will, der mag enttäuscht sein über „Bohemian Rhapsody“, die Geschichte der britischen Rockband und vor allem ihres flamboyanten Frontmanns Freddie Mercury. Denn da steckt ja mehr drin als die 134 Minuten lange Greatest-Hits-Revue mit braver „Bravo“-Chronik, die Regisseur Bryan Singer abgeliefert hat. Wobei der Superheldenversteher (viermal X-Men, einmal Superman) am Ende der Dreharbeiten nicht mehr erschienen war, rausflog und ersetzt wurde von Dexter Fletcher („Eddie the Eagle“), der bereits 2013 für den Job im Gespräch war. Auch daran mag es liegen, dass diese Musikerbiografie so brav und mutlos daherkommt.

Erzählt wird die Geschichte vom ersten Zusammentreffen des Gepäckschleppers Farrokh Bulsara mit dem Gitarristen Brian May und Drummer Roger Taylor der Band „Smile“. Zusammen mit dem Bassisten John Deacon starten sie zur Weltkarriere mit „Queen“, die im Film 1985 beim Live-Aid-Konzert gipfelt. Der Auftritt dauerte 20 Minuten, der Film stellt ihn komplett nach, was angesichts der verfügbaren historischen Aufnahmen komplett entbehrlich ist. Aber „Bohemian Rhapsody“ soll eben glanzvoll enden und nicht mit dem elenden Siechtum eines aidskranken Homosexuellen.

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Gay-Sex ist nur ein scheuer Kuss

Davon wollte Drehbuchautor Anthony McCarten wohl am liebsten gar nichts wissen. Freddie Mercury mag das Mädchen Mary (Lucy Boynton), die ihm gleich mal Kajal verpasst, spürt, dass er auf Jungs steht, woraufhin sie ihm erklärt, dass er schwul sei, er traurig dreinblickt und auf immer mit ihr befreundet sein will. Da wird es inmitten vieler knackiger Kerle ganz einsam um den Star, der immer wieder zurückblickt zu seinem Girl und sich zugleich in der Lederszene als Operettenkönig verliert. Mehr als ein müdes Märchen gibt das Outing in den Achtzigern nicht her. Gay-Sex ist nur ein scheuer Kuss Schnurrbart an Schnurrbart. Und der Schrecken des Immunschwächesyndroms beschränkt sich auf blassen Teint, lästigen Husten und Blut im Taschentuch.

„Bohemian Rhapsody“ liefert zwar den Soundtrack einer Zeit, will von dieser Zeit aber überhaupt nichts wissen. Stattdessen reiht der Film wie ein bewegtes Musikmagazin Anekdoten aneinander: „Queen“ in Amerika, „Queen“ bei „Top of the Pops“, Freddie will große Oper, schreibt „Bohemian Rhapsody“, sechs Minuten, die in kein Formatradio passen. Später will Mercury mehr Disco, und Bryan May stampft den Stadionbeat von „We will rock you“ aufs Studiopodest. Das ist immerhin auch mal vergnüglich, wenn sich die Stars kabbeln, oder ihre Manager nerven.

Überraschung ist der Hauptdarsteller

Dabei schaut Gwylim Lee mit seinem wuscheligen Minipli dem promovierten Astrophysiker und gefeierten Gitarrengott Bryan May tatsächlich verblüffend ähnlich. Auch Ben Hardy, der ein trauriges Babyface aufsetzt, kommt Roger Taylor nahe. Die eigentliche und einzige Überraschung des Films ist allerdings der Hauptdarsteller. Sacha Baron Cohen („Borat“) und Ben Whishaw („Das Parfüm“) waren als Freddie Mercury im Gespräch, doch Rami Malek (zuletzt als Louis Dega in „Papillon“), ein Amerikaner ägyptischer Abstammung, erhielt die Rolle. Mit großen Sehnsuchtsaugen, zartem Lispeln und allerliebstem Überbiss verkörpert er seinen Part. Und den schon vom Tod umflorten Sänger verkörpert der schmale Schauspieler durchaus wiedererkennbar.

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Die frühen Jahre des Superstars aber geraten ihm mit gespitzten Lippen zur unfreiwilligen Enthüllung: Schaut aus, als wäre in den Siebzigern Mick Jagger der Frontmann von „Queen“ gewesen. Das Vexierbild Freddie Jagger und Mick Mercury zu betrachten, hat einen eigenen Reiz. Und wem das immer noch zu wenig ist, mag sich damit trösten, dass man ja jetzt schon den Hauptdarsteller kennt, den man dereinst für „Satisfaction – die Rolling-Stones-Story“ im Kino brauchen wird.