50 Geburtstag der Amöneburger Johann-Hinrich-Wichern-Schule...

Die Gesangsgruppe der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule gibt auf dem Musikfest der Johann-Hinrich-Wichern-Schule eine Kostprobe ihres Könnens.Foto: hbz/Jörg Henkel  Foto: hbz/Jörg Henkel

Andere richten akademische Feiern zu einem solchen Anlass aus. Die Johann-Hinrich-Wichern-Schule machte es fröhlich, sie feierte ihren 50. Geburtstag mit einem Musikfest und...

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AMÖNEBURG. Andere richten akademische Feiern zu einem solchen Anlass aus. Die Johann-Hinrich-Wichern-Schule machte es fröhlich, sie feierte ihren 50. Geburtstag mit einem Musikfest und lud dazu andere Schulen ein, die das gleiche Bildungsziel haben. Von Behinderung und praktischer Bildbarkeit war nur am Rand die Rede. „Der Behindertenbegriff soll aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwinden“, sagte Rektorin Hildegard Röder.

Die Wichern-Schule zählt zu den Einrichtungen, die sich gegen Benachteiligung und für die Gleichberechtigung engagieren. Hier sind Schüler zu Hause, die in anderen Schulen Schwierigkeiten hätten, intellektuell den Anschluss zu erreichen. Es gibt Autisten, die in ihrer eigenen Welt leben, Kinder mit Downsyndrom, entwicklungsgestörte Schüler und andere mit geistigen Beeinträchtigungen. Insgesamt 64 junge Leute, die von der ersten Klasse bis zum Berufseintritt in der Wichern-Schule ein Stück Rüstzeug fürs Leben erhalten.

Alle machten ihren Weg, sagte die Rektorin. Viele fänden in den Werkstätten für Behinderte eine Anstellung, andere auf betreuten Arbeitsplätzen wie etwa in den Cap-Märkten, wenige fassten auf dem Arbeitsmarkt Fuß. Damit hätten sie die Chance, nach der Schulzeit selbstständig zu wohnen, wobei die Wohngelegenheiten in Wiesbaden rar und die Ablösung von den Eltern mit Schwierigkeiten verbunden sei.

So voll war es in der Schule schon lange nicht mehr wie beim Musikfest zum 50. Geburtstag. Gefeiert wurde zusammen mit der Biebricher Fluxus-Schule, der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule und der Idsteiner Max-Kirmsse-Schule, alle hatten für das Musikfest in der Sporthalle ihre Bands und Chöre gemeldet. Während das Konzert lief, hatte Rektorin Röder ein großes Ziel vor Augen: dass Einrichtungen wie die Wichern-Schule unter dem Anspruch der Inklusion eines Tages entbehrlich werden, dass alle Schüler in Regelschulen lernen. Eine Tendenz sei erkennbar, seit der Eröffnung der Wichern-Schule im Jahr 1967 gebe es Fortschritte. „Jede Entwicklung braucht ihre Zeit“, sagte die Rektorin. Bis es aber so weit sei, vergingen bestimmt weitere 50 Jahre.

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Bis dahin wird die Schule keine Gelegenheit auslassen, um die jungen Leute auf ihren Lebensweg zu führen. Der jüngste Schüler ist sechs, der älteste 19 Jahre alt. Unterrichtet werde in Klassen mit sechs bis acht Schülern, der Unterricht verlaufe anders, als man es gewohnt sei. Viele könnten wegen ihrer Behinderung nicht sprechen, aber blinzeln, lachen, Gefühle zeigen mit Gebärden und Gesten: Es mache Freude, zu sehen, wie sie ihr Herz öffnen, sagte die Rektorin. Viele Schüler seien Migrantenkinder, das mache es doppelt schwierig. Elternarbeit sei kaum möglich, oft seien die Bemühungen vergeblich, Mütter und Väter für eine Mitarbeit zu gewinnen. Das habe auch einen praktischen Grund. Die Wichern-Schule werde von Schülern aus ganz Wiesbaden besucht. Amöneburg liege abgeschieden mit schlechten Anbindungen an das übrige Stadtgebiet.

Daher nutzten die Lehrer jede Gelegenheit, mit den jungen Leuten aus der Schule heraus zu gehen, damit sie viel vom Leben mitbekämen. Theater, Markt und Museum seien beliebte Orte, auch andere Schulen und Vereine würden gerne besucht.

Am Geburtstag hatte die Rektorin zwei Wünsche. Der erste: „Dass die Schüler weiterhin gerne zu uns kommen und die Eltern mit unserer Arbeit zufrieden sind“, sagte Hildegard Röder. Und der zweite: dass der Schulhof ein neues Kletter-Rutsch-Spielgerät erhält. „Unseres ist 25 Jahre alt“, so die Rektorin. Ein weiterer Wunsch ging schon fast in Erfüllung. Dank des Engagements des Fördervereins gab die Wichern-Schule zum Geburtstag ihre Bestellung für einen neuen Schulbus auf.

Vier Stunden Programm

Dann wurde musikalisch gefeiert. Mit fast vier Stunden Programm, das es in sich hatte. Die „Bodel-Rocker“ von der Bodelschwingh-Schule traten in kleiner Besetzung groß auf, die Fluxus-Schule war mit den „Flotten Flüxen“ vertreten. Die Wichern-Schule mit dem Saxofonisten Dirk Marwedel bot Wassermusik mit Originaltönen aus dem flüssigen Metier, es blubberte und rauschte, bevor der Schulchor drei Lieder beitrug und die Rhythmicals der Idsteiner Kirmsse-Schule zum Finale der großen Feier den Takt mit Alltagsgegenständen vorgaben.