„Brauchen wir das Automobil überhaupt noch?“

Von Achim Preu
Leiter Wirtschaftsredaktion Südhessen

Bei der IAA sollen ab dem 12. September die Zukunftsfragen der Mobilität erörtert werden, sagt Bernhard Mattes, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). (Fotos: dpa)

FRANKFURT - Das war ein erster Vorgeschmack auf die 39. Frankfurter Automesse IAA, die am 12. September von Bundeskanzlerin Merkel in Frankfurt eröffnet wird: Fünf Mannschaftswagen der Polizei sicherten gestern dort die um eine Woche vorgezogene Pressekonferenz des veranstaltenden Automobilverbandes VDA ab. Und eine Handvoll Demonstranten samt Transparent fand sich am Messegelände ein. Das werden am ersten Publikumswochenende (14./15.) sicher zigtausende sein, die Autos überflüssig finden. Und dieser Diskussion um die Zukunft der individuellen sowie nachhaltigen Mobilität will sich die Branche, so VDA-Präsident Bernhard Mattes, stellen. Auch außerhalb des Messegeländes lädt man deshalb am 13. zu einem öffentlichen Bürgerdialog in Frankfurt ein, um die ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekte zu erörtern. Inklusive der Frage „brauchen wir das Automobil überhaupt noch?“

Zehn Millionen E-Autos bis 2030 benötigt

Bereits am Donnerstag läuft man sich in Berlin warm bei einem Treffen mit drei Nichtregierungsorganisationen wie dem BUND, die von der Bewegung #aussteigen ausgewählt worden waren, welche die IAA blockieren will. Wenn er eingeladen werde, komme er auch zu der angekündigten Fahrrad-Demo, so der VDA-Präsident.

„Wir werden unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten und investieren massiv“, so Mattes. Man stehe zum Pariser Klimaschutzabkommen. Um die CO2-Flottengrenzwerte der EU 2030 von dann nur noch rund 60 Gramm je Kilometer zu erreichen, sei aber eine rasche Marktdurchdringung mit E-Fahrzeugen nötig. Es müssten dann sieben bis 10,5 Millionen Stromer auf der Straße sein. Hohe Kundenakzeptanz und optimale Rahmenbedingungen seien dafür nötig. Die Autobauer und Kfz-Zulieferer investieren den Angaben zufolge in den kommenden drei Jahren 40 Milliarden in die Elektromobilität und verfünffachen ihr Angebot an Elektroautos auf 150, so der ehemalige Chef von Ford Deutschland. Deshalb brauche es jetzt Tempo beim Ausbau der Ladeinfrastruktur, so Mattes mit Zielrichtung Politik. Konkret: eine Million öffentliche Ladepunkte sind nötig plus 100 000 Schnellladesäulen. Sowie mehrere Millionen private Ladepunkte. Aktuell gibt es bundesweit 20 650 frei zugängliche Ladesäulen, „viel zu wenig“.

Dass sich vor diesem Hintergrund und der konjunkturellen Abkühlung die alle zwei Jahre stattfindende Messe selbst verändert, ist da nur folgerichtig. Die Transformation vom „weltweit größten Autohaus zur relevantesten Plattform“, sie sei in vollem Gange. Auch wenn auf der IAA 30 Marken diesmal keinen eigenen Stand haben und wegbleiben, sind einige davon an anderer Stelle wie dem Freigelände mit Testparcours vertreten. So übrigens E-Auto-Pionier Tesla. Auch Microsoft und Google finden sich unter den 800 (2017: 994) Ausstellern, wobei China bei den ausländischen Firmen die meisten stellt auf der 168 000 (200 000) Quadratmeter großen Ausstellungsfläche. Weil hier das gesamte Ökosystem der Mobilität abgebildet werde, „braucht man nicht nach Los Angeles zu fahren. Das bekommt man hier“ so Mattes mit Blick auf die Elektronikmesse CES. Und mit IBM-Chefin Virginia Rometty und anderen Top-Managern soll der Dialog zudem auf eine andere Ebene gehoben werden. Die IAA sei deshalb längst mehr als eine Showbühne zu Marketingzwecken.

Bei allen Zukunftsfragen – die Gegenwart sorgt für viel Gegenwind. 2019 wird mit einem Rückgang bei den globalen Pkw-Verkäufen um vier Prozent auf 81 Millionen Einheiten gerechnet. Europa dürfte auf 15,5 Millionen kommen (minus ein Prozent), die USA auf 16,9 Millionen (minus zwei), der weltgrößte Automarkt China sogar um sieben Prozent auf 21,6 Millionen schrumpfen. Dahinter steht der Handelskonflikt mit den USA. Dennoch, so Mattes, hätten deutsche Konzernmarken in den ersten sieben Monaten im Reich der Mitte um zwei Prozentpunkte auf 24 Prozent Marktanteil zugelegt.

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